Wasserfliegen in Polen

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Erhard
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Wasserfliegen in Polen

Beitrag von Erhard » 18.10.2021, 15:33

Wasserfliegen in Polen

Ich bin mit dem Auto in Stechow angekommen, - der Flywhale, aufgelastet auf 650 kg, steht schon vor der Halle, mit Schwimmweste und vollgetankt. Es ist Mittag.
Seit Winni nicht mehr lebt, führt seine Tochter Janina den Flugplatz EDUA und die Flugschule allein weiter. Sie ist Fluglehrerin - auch für Wasserflug - und Flugrätin. Ihr zur Seite steht Martin, ebenfalls Fluglehrer, der schon als Kind mit seinen Eltern aus Polen nach Deutschland kam. Beide kenne ich seit langem.
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Vom Auto ins Flugzeug. Der Flywhale ist vollgetankt.

Ich muss meine Wasserflugberechtigung verlängern und so haben wir vereinbart, dass ich entweder mit Janina auf dem Sedlitzer See in der Lausitz oder mit Martin auf polnischen Gewässern meine obligaten 12 Wasserlandungen durchführe. “Wasserlandungen” ist eigentlich ein Widerspruch in sich, aber “Wasserungen” klingt doch sehr bürokratisch. Sehr bürokratisch ist auch die Prozedur auf dem Sedlitzer See, wo laut Vorschrift für uns extra ein Rettungsboot organisiert werden müsste. Vater Staat sorgt sich um uns von der Wiege bis zur Bahre.
Da uns das alles zu umständlich ist, beschließen wir, unsere Unternehmung nach Polen zu verlegen.

Martin hatte sich den Stausee Jezioro Raduszeckie ausgesucht. Er liegt in der Nähe von Grünberg in Schlesien und ist von Nord nach Süd ca. 3 km lang, aber nur gut 600 m breit.
Ich hatte mit vorgestellt südlich an Berlin vorbeizufliegen, aber Martin schlägt vor, wir sollten doch über Berlin fliegen, es sei interessanter. Also verlieren wir keine Zeit, ich ziehe mir die Schwimmweste über und wir fliegen los.
Seit BER aktiv ist und es Tegel nicht mehr gibt, wurde die Luftraumstruktur über der Hauptstadt für die Allgemeine Luftfahrt sehr liberal gestaltet, - allen Beteiligten sei Dank. Wir genießen den Anblick der Metropole und bald haben wir es aufgegeben, über der Stadt nach Notlandeplätzen Ausschau zu halten - es gibt ohnehin keine. Nicht lange und wir haben auch die Oder erreicht, die Grenze nach Polen.
Ich sitze links und Martin macht den Funk. Wir haben uns von FIS Langen begleiten lassen und Martin schaltet um auf FIS Poznan und führt die weiteren Gespräche auf polnisch. Wir überfliegen die Oder so, als würden wir von EDXQ über die Weser hüpfen. Dabei haben wir soeben die Staatsgrenze passiert! Kein Flugplan, keine Anmeldungen, keine Bürokratie. Ein völlig neues Gefühl fliegerischer Freiheit überkommt mich.
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Martin spricht polnisch, das erleichtert die Sache.

Als wir den Stausee erreichen, stelle ich fest, dass ein beachtlicher Wind aus 280° mir die Sache nicht gerade leichter macht. Ein Anflug aus Ostsüdost wäre zu gefährlich, weil der See selbst an der breitesten Stelle zu schmal wäre. Also bleibt nur der Endanflug auf eine erdachte Wasserpiste 01 mit 90° Seitenwind.
Eigentlich müsste ich vorab einen Scheinanflug unter 500 ft machen um nach Hindernissen Ausschau zu halten, aber Martin, der den See kennt, sagt, dass er frei sei, und so gehen wir gleich zur Sache. Wegen des Seitenwinds fliege ich ca. 10 km/h schneller an. Die Wellen sind deutlich profiliert, tragen aber keine Schaumkronen. Mit leicht in den Wind geneigter Fläche fange ich dicht über der Wasseroberfläche ab und warte auf das Knallen unterm Kiel, mit dem das Flugzeug zunächst von Welle zu Welle springt. Das Wasser ist hart wie Beton, es verzeiht keine Fehler, und das Geräusch ist gewöhnungsbedürftig.
Steuerknüppel ziehen - damit der Bug die Wellen nicht unterschneidet - und noch auf “Stufe” gebe ich Vollgas und nach kurzer Strecke löst sich der Flywhale vom Wasser. Ich drücke nach, ziehe die Maschine mit Speed hoch und gehe in eine Platzrunde zum nächsten Anflug dicht überm Staudamm.
Man male sich aus: Eine Wasserlandung auf einem deutschen Stausee, ohne Anmeldung, ohne vorauseilendes Rettungsszenario, - unvorstellbar!
Nachdem ich 12 Wasserlandungen absolviert habe, schlägt Martin vor, Richtung Osten weiterzufliegen um in Zielona Góra, dem ehemaligen Grünberg, zu landen. Dort gebe es ein nettes Restaurant.
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Zielona Góra, die Piste ist 500 m kurz, aber 230 m breit.

Der Platz scheint riesig, mit einer nur 500 m langen, aber 230 m breiten Graspiste. Nach der Landung muss ich mir erst klar werden, wohin ich das Flugzeug rollen soll, am besten dahin wo die vielen Antonows stehen. Wir begegnen einer Gruppe älterer Piloten, polnischen Agrarfliegern, knorrigen Gestalten mit zerfurchten Gesichtern und freundlich-burschikoser Art.
Neben der Antonow An-2 wirkt unser Flywhale geradezu zierlich.
Im Flugplatzrestaurant wird gerade eine deutsche Pauschalreisegruppe verabschiedet. Nach einem guten Mittagessen machen wir uns auf den Heimflug. Ich absolviere noch zwei weitere Wasserlandungen auf unserem Stausee und dann geht es in Richtung Deutschland.
Obwohl wir mit dem Sprit wohl reichen würden, beschließen wir in Strausberg zwischenzulanden und zu tanken. Dort scheint unser Flugboot ein derart exotisches Vehikel zu sein, dass die freundliche Flugleiterin mit Fotoapparat vom Turm herunterkommt um Bilder von uns zu machen.
Nach weiteren 20 min. lande ich den Flywhale auf der Graspiste 22 in Stechow.

Janina hat uns einen Imbiss bereitet und mir, wie immer, ihr Paradezimmer für eine Übernachtung reserviert. Wir verabreden, dass wir am kommenden Vormittag noch etwas unternehmen wollen und dann bin ich froh, mich zurückziehen zu können. Eine vierstündige Autofahrt und anschließend ein Tagesausflug nach Polen haben mich doch etwas müde gemacht.
In meinem Zimmer studiere ich noch einmal die Karte Polens und finde einen See, der von den Abmessungen und der Entfernung her gut zu sein scheint und ich bestimme auch gleich den Kurs. Damit lasse ich den Tag ausklingen.

Am nächsten Morgen unterbreite ich Janina und Martin meinen Vorschlag. Es ist der See “Miedwie”, südöstlich von Stettin. Er ist 15 km lang und fast 3 km breit. Es gibt nur wenige Dörfer, keine Hochspannungsleitungen, keine Windräder und auch sonst nur Landwirtschaft. Die Südspitze des Sees berührt die TS10A, die von GND bis FL145 reicht, also militärisch. Ansonsten ist vom Start bis zum Ziel Luftraum Golf. Was will man mehr?
Nach dem Frühstück und dem in aller Ruhe durchgeführten Vorflugcheck geht es los. Kurs 065° und eine gute Stunde Flugzeit. Wir haben zunächst Stratus mit Untergrenze 1500 ft, und müssen über deutschem Gebiet sehr auf Windräder achten und sie umfliegen. Was soll das erst werden, wenn die nächste Generation in den kommenden Jahren bis auf 350 m Höhe anwachsen wird?
Wir praktizieren dieselbe Arbeitsteilung wie gestern: Ich fliege und Martin macht den Funk, zuerst mit Langen Information, später mit Gdansk Information. Kurz vor der polnischen Grenze gehen die Wolken hoch.
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Der Miedwie-See, unendlich lang und schön breit, gegen jede Windrichtung anfliegbar.

Wieder überkommt mich das Staunen. Wir queren die Staatsgrenze und niemand interessiert sich für uns, so lange wir uns an die Regeln halten. In Polen darf ein Wasserflieger auf jedem See starten und landen, sofern nicht Vogelschutz- oder Gewässerschutz-Bestimmungen entgegenstehen. Hier gilt die Allgemeine Luftfahrt als Freizeit und Erholung, während man in unserem schönen Heimatland nur “Teilnehmer am Luftverkehr” ist.

Als wir den See erreichen, sind wir begeistert: Unendlich lang und mehr als ausreichend breit. Die Wellen zeigen uns deutlich die Windrichtung. Ich mache den obligaten Scheinanflug unter 500 ft, ein Bauer winkt zu uns herauf. Martin entdeckt in Ufernähe einige Fischernetze und die Anzahl der Seevögel ist überschaubar. Am Ufer stehen ein paar Weiden und ansonsten ist es absolut hindernisfrei.
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Die Landung auf dem Medwie ist sehr kalkulierbar, - und wir stören niemand.

Da wir direkt gegen den Wind landen können, kann ich auch mit gedrosselter Geschwindigkeit anfliegen und die Berührung mit dem Wasser ist entschieden angenehmer. Fahrwerk blau, Klappen auf 30°, niedrig abfangen, warten und Knüppel zurück. Dann Vollgas auf Stufe, nach dem Abheben Fahrt aufnehmen, Klappen auf 15° und neue Platzrunde.

Wir gönnen uns auch eine paar Full Stops, schippern in Verdrängungsfahrt im Kreis herum und freuen uns wie die Kinder. Ich absolviere sechs Wasserlandungen.
Vor dem Rückflug erfüllt sich Martin den Wunsch, den ganzen See von Nord nach Süd in einem Meter Höhe zu überfliegen, dann übernehme ich wieder und wir machen uns auf den Heimflug.
Inzwischen hat sich auch die Bewölkung geändert. Unten Cumulus von 2500 bis hoch auf 4500 ft, darüber in gehörigem Abstand Stratocumulus. Es gibt Wolkenlücken, und da es in Stechow inzwischen ebenfalls aufgelockert hat, steige ich bis auf knapp 5000 ft. Jetzt fliegen wir zwischen den Wolkenmeeren und da der Wind aufgefrischt hat, bilden sich unter uns Wolkenstraßen.
Kurz vor Stechow finden wir das Loch vom Dienst, ich steige ab, setze die Klappen auf 30°, Fahrwerk auf Grün und setze wenig später auf Piste 22 auf.
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Heimflug zwischen den Stockwerken

Es waren nur anderthalb Tage, doch die intensiven Erlebnisse und Gespräche machen es zu gefühlten anderthalb Wochen. Wie sagte der Kabarettist Wolfgang Neuß? “Jeder Tag ist 24 Stunden lang, aber unterschiedlich breit.”
Wir versprechen uns, ein solches Erlebnis mindestens einmal im Jahr zu wiederholen.
Ich habe 20 Wasserlandungen gemacht und bin fast sieben Stunden Flywhale geflogen. Was will ich mehr?
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Oliver Seack
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Re: Wasserfliegen in Polen

Beitrag von Oliver Seack » 20.10.2021, 22:28

Hallo Erhard,

Dein Bericht über das Wasserfliegen in Polen: Cool! :D
Und macht Lust auf mehr und das auch selber mal auszuprobieren.
Vielen Dank dafür!

Das es so unkompliziet ist mit einem UL nach Polen einzufliegen, verblüfft auch mich immer wieder. Wenn man das mit dem Prozedere vergleicht, dass die Dänen und speziell die Norweger veranstalten...

Viele Grüße,

Oliver

Erhard
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Re: Wasserfliegen in Polen

Beitrag von Erhard » 21.10.2021, 15:30

Hallo Oliver,

schön, dass Dir der Beitrag gefallen hat.

Das mit dem “Selber-mal-ausprobieren” dürfte kein Problem sein: Janina anrufen (ich kann Dir ihre Nummer geben), eine Urlaubswoche fürs kommende Frühjahr absprechen und auf schönes Wetter warten, das wär’s.

Stechow ist die einzige UL-Wasserflugschule in Deutschland. Und je mehr Interessenten, desto besser.

Gruß,
Erhard

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