Bericht Norwegen 2021

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Oliver Seack
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Re: Bericht Norwegen 2021 - 6. Etappe Bergen – Andane/Sandane

Beitrag von Oliver Seack » 16.01.2022, 18:41

Hallo zusammen,

huete geht es weiter mit der

6. Etappe Bergen – Andane/Sandane

Am nächsten Morgen scheint in der Altstadt von Bergen die Sonne. Als wir auf dem Weg zum Flughafen mit dem Taxi einen flachen Pass überqueren, tauchen wir auf der anderen Seite in Dunst ein. Es wird schlagartig ziemlich diesig. Mit einem pünktlichen Abflug von Bergen nach Andane/Sandane wird es heute wohl nichts...
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Unsere Flugroute von Bergen nach Sandane
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Am Flughafen angekommen beruhigt uns ein ortsansässiger Sportpilot, dass dieses Phänomen nur auf den Küstenbereich beschränkt und von kurzer Dauer sei. Die Sonne würde den Boden und der die Luft darüber schnell so stark erwärmt haben, dass man in 1-2 h problemlos fliegen könne.

Diese zeitliche Verzögerung macht uns aber keinen Stress, obwohl wir heute die längste Tagesetappe der ganzen Tour vor der Brust haben, da wir erst noch ein Stück nach Norden zum Geirangerfjord fliegen wollen, um uns dann noch mit einem langen Leg nach Südnorwegen für den Rückflug nach Deutschland am nächsten Tag in eine günstige Position bringen zu wollen. Das liegt daran, dass in Skandinavien die Sonne im Sommer erst sehr spät untergeht. Daher haben wir, trotz der langen Flugstrecke, keinen großen Zeitdruck.

Da ist erstmal entspannen angesagt, und wir können noch mal kurz den Security Check zum Betreten des Flughafengeländes „auf norwegische Art“ Revue passieren lassen: Basierend auf unseren Erfahrungen gestern in Stavanger fahren wir nicht zum Passagierterminal, sondern direkt zu dem ferngesteuerten Rolltor, über das wir gestern auch das Flugfeld verlassen haben.

Wir melden uns über eine Gegensprechanlage an und nach ein paar Minuten erscheint wieder unser persönlicher Vorfeldbus, das Tor öffnet sich wie von Geisterhand und der elektrische Bus bringt uns zu unserem Flugzeug. So macht ein großer internationaler Flughafen auch als Sportpilot Spaß!
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Security-Check für Sportpiloten auf norwegische Art
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Wir machen in aller Ruhe das Flugzeug startklar, tanken und beobachten einen Helikopter, der im Rahmen eines Werkstattflugs in der Nähe der Tankstelle hovert.

Als sich die Sicht deutlich verbessert hat, starten wir und fliegen in nordnordöstlicher Richtung aus der Kontrollzone des Flughafens Bergen/Flesland aus. Der Ausflug über den Pflichmeldepunkt „Sandviken“ (dt. Sandbucht) erlaubt nochmal einen netten Ausblick auf die schöne Altstadt von Bergen und den Hafen.
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Das Highlight beim Ausflug aus der Kontrollzone von Bergen: Die Altstadt mit Hafen
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In den Buchten rund um Bergen finden sich wieder viele Lachsfarmen und auch Landwirtschaft ist dank des milden Golfstromklimas in diesen hohen nördlichen Breiten noch möglich.
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Typisch norwegisch: Lachsfarmen
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Davon gibt es hier reichlich: Fjälls, die kargen Hochebenen Skandinaviens
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Schnell haben wir den dichter besiedelten Küstenstreifen verlassen und die Abgeschiedenheit der Fjälls zieht uns wieder in ihren Bann. Wir überqueren nochmal den eindrucksvollen Sognefjord von Süd nach Nord, um uns kurze Zeit später für die Landung zur Mittagspause vorzubereiten.

Herbert hat dafür den Flughafen Anda/Sandane ausgewählt. Die Eckdaten klingen für mich nicht sonderlich aufregend: Eine Asphaltpiste mit 970 m Länge und 30 m Breite in der Mitte von Nirgendwo, betrieben von der staatlichen Flughafengesellschaft Avinor. Na, diese Piste werden wir ja wohl treffen, und ansonsten sind meine Erwartungen nicht sonderlich hoch: Zum Beine vertreten, Picknicken und einen Plausch mit dem Türmer, so gestern neulich in Sogndal/Haukåsen, wird es wohl reichen, denke ich mir so.

Aber weit gefehlt: Die Piste von Anda/Sandane liegt quer über einer schmalen Landzunge, so dass der komplette Anflug vollständig über Wasser erfolgt. Da ist Flugzeugträgerfeeling garantiert!
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Unser Landeanflug auf die Piste 08 von Sandane
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Zudem wird die Länge des Endanflugs in Landerichtung 08 von einem steilen Berghang am gegenüberliegenden Ufer des schmalen Fjord limitiert.

Für uns, die wir bei sonnigem und windstillem Sommerwetter mit einem UL unterwegs sind, ist das kein Problem. Aber dieser Platz wurde ja nicht für Sportflugzeuge geschaffen, sondern um ganzjährig Regionalflugverkehr aus der abgelegenen Provinz in die Wirtschaftszentren an der Küste zu ermöglichen. Dafür wird er von der Fluggesellschaft Widerøe mit kleinen Turboprops vom Typ DHC Dash 8-100 angeflogen. Mit solchen Maschinen sind Starts und Landungen in Sandane eine echte Herausforderung, zumal im Winter bei Dunkelheit, schlechter Sicht und mit möglicherweise ordentlichen Leeturbulenzen im engen Fjordtal.

Wir genießen bei unserem unbeschwerten Schönwetteranflug die spektakuläre Aussicht auf das „Flugzeugträgerdeck“ von Sandane. Obwohl im Funk niemand antwortet, setzen wir unseren Anflug fort und geben über Funk laufend Blindmeldungen über unsere aktuelle Position und unsere Absichten ab.

Auch das ist etwas, woran man sich als deutscher Pilot im Ausland erst gewöhnen muss: Es ist nämlich überall auf der Welt an kleineren, wenig frequentierten Plätzen völlig normal und auch legal, dass niemand am Funkgerät sitzt oder es so etwas wie einen Flugleiter gibt. Es gibt eine Piste und meistens auch noch einen Windsack, das war es. Für den Rest ist man als Pilot selbst verantwortlich: Beim midfield-crossing den Zustand der Piste überprüfen, die Windrichtung feststellen, daraufhin Landerichtung festlegen, in den Gegenanflug einbiegen...
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Im Queranflug auf die Piste 08 von Sandane
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Wenn niemand Offizielles am Funkgerät sitzt, teilt man einfach auf der Platzfrequenz seine Absichten mit. Falls es noch jemand anderen geben sollte, der am oder auf dem Platz unterwegs ist, macht der das ebenso, so dass man sich untereinander abstimmen kann. Das hat bislang immer wunderbar funktioniert. Es ist klar, dass man auf diese Art keinen Flughafen wie Frankfurt am Main betreiben kann, das ist ja auch im Rest der Welt so. Aber für die 95% der restlich Plätze, an denen meistens recht wenig los ist, ist das einfach das praktizierte Verfahren. Nur wir Deutschen gönnen uns da bislang einen „Sonderweg“ für jede noch so kleine UL-Wiese. Aber dank der EU wird es in absehbarer Zeit eine Lösung geben, die dem internationalen Standard angepasst ist.
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Im Endteil auf die Piste 08 von Sandane
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Wir sind es als Piloten aus Deutschland gewohnt, dass immer jemand am Funk sitzt und irgendwie erwarten wir unbewußt, dass der- oder diejenige irgendwie die Dinge schon regelt, weil der Job ja offiziell und ein wenig irreführend als „Flugleiter“ bezeichnet wird. Wenn mir dann im Ausland mal niemand im Funk antwortet, bin ich immer erstmal kurz irritiert und geneigt, solange über dem Platz Warteschleifen zu drehen, bis sich endlich jemand im Funk meldet. Dann merke ich, dass es für mich immer noch nicht selbstverständlich ist, von dem trügerischen Gefühl vom Flugleiter „geleitet“ zu werden, auf reine Selbstverantwortung als Pilot umzuschalten.
Nach knapp über einer Stunde Flugzeit und 207 km zurückgelegter Flugstrecke setzen wir auf der Piste 08 von Sandane auf. Nach dem Abstellen des Flugzeugs an der selbstgewählten Parkposition stellen wir fest, dass wir den Flughafen Andane/Sandane tatsächlich ganz für uns alleine haben. Am kleinen Terminal ist alles verschlossen. Es taucht auch kein Flugplatzmitarbeiter oder wenigstens ein Hausmeister auf. Der in perfektem Zustand gehaltene Flugplatz dämmert in der milden Sonne des frühen Nachmittags seinen Dornröschenschlaf. Ein wenig eigentümlich ist so ein ausgestorbener Flughafen am helllichten Tag schon.

Auch wenn der Flughafen unbesetzt ist, zahlen wir selbstverständlich unsere Startgebühr für die Benutzung des Flughafens. Auf dem Flughafengelände sind eine ganze Anzahl von Überwachungskameras installiert. Und eine Rechnung nach Deutschland hinterher geschickt zu bekommen, hinterlässt erstens überhaupt keinen guten Eindruck bei den Gastgebern und zweitens wird es dadurch mit Sicherheit auch nicht günstiger. Das Bezahlen der Startgebühr geht sehr einfach und unkomplizert über das Online-Portal von Avinor.

Die Gebühr ist für alle von Avinor betriebenen Plätze für Flugzeuge mit einem MTOW bis max.1000 kg gleich: Umgerechnet 22,50 €. Das ist das zwar kein echtes Schnäppchen, aber die Infrastruktur aller von uns besuchten Avinor-Plätze war in einem Topzustand und in diesem Preis war in Bergen auch der zweimalige Service mit Follow-Me-Car und Vorfeldbus enthalten sowohl bei der Ankunft, als auch beim Abflug.
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Wir genießen die friedliche Stille des frühen Nachmittags für ein ausgehntes Picknick
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Wir setzen uns für unser Picknick auf die Wiese, genießen die sommerliche Wärme und das grandiose Panorama. Mit dieser Lage auf der Halbinsel und dem ungewöhnlichen Anflug im engen Fjordtal übers Wasser zählt Anda/Sandane für mich zu den schönsten Flughäfen der Welt.
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Das wundervolle Panorama von Sandane während unseres Picknicks
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Wie immer am Schluss meines Beitrags auch hier dier Link auf das dazugehörige Video von Herbert Brendel:

Norwegen: Flug Bergen über die Fjells und den Sognefjord nach Anda am Nordfjord

Viel Spaß beim Gucken!

Oliver

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