Bericht Norwegen 2021

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Oliver Seack
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Bericht Norwegen 2021

Beitrag von Oliver Seack » 27.09.2021, 20:18

Fjorde & Gletscher

Norwegen - Juli 2021

Nachdem wir in der Vergangenheit zahlreiche Flüge überwiegend in Richtung „Süden“, „Westen“ und „Osten“ unternommen hatten, stand bei uns (Gerd, Herbert und mir) grundsätzlich mal die Richtung „Norden“ für eine UL-Tour ganz oben auf der Wunschliste mit dem Traumziel Norwegen.

Die norwegischen Fjorde für sich sind in Europa bereits einmalige Landschaften, aber in Kombination mit den ganz nahe dabei gelegenen Gletschern sind sie wirklich besonders. So etwas findet man sonst so ähnlich höchstens noch in Alaska, auf der russischen Halbinsel Kamschatka oder in Neuseeland.

Aber zwischen den Wunsch und die Realisierung eines solchen Fluges schiebt sich vor allem die Frage nach dem passenden Wetter: Wir hatten bereits mehrere Jahre lang immer wieder Einfluggenehmigungen für Dänemark beantragt, waren aber jedesmal am schlechten Wetter gescheitert. In Dänemark scheint oft die Sonne und es gibt passable Sichten, aber häufig ist der Wind schlicht zu stark, um auf den hübschen kleinen Inselpisten sicher starten und landen zu können.

Wenn man noch weiter in den Norden nach Norwegen möchte, kommen noch häufige, starke Niederschläge und aufliegende Staubewölkung an der Westseite des skandinavischen Gebirges dazu: Die Stadt Bergen ist die Stadt mit der höchsten durchschnittlichen Niederschlagsmenge in Europa mit 2461 mm pro Jahr. Zum Vergleich, das uns auch nicht unbedingt als Schönwetterparadies bekannte Bremen hat mit 801 mm Niederschlag nur rund ein Drittel der Regenmenge von Bergen.

Von daher braucht es viel Geduld und Glück, um ein schönes, schwachwindiges und ausreichend langes Wetterfenster zu finden, wenn man in Richtung Norwegen fliegen möchte. Wenn dann noch mit allen Teilnehmern ein gemeinsames Zeitfenster gefunden und eine Vereinsmaschine terminlich fest gebucht werden muss, gleicht das Ganze schon einer Lotterie ;-)

Im letzten Jahr hatten wir ein sehr gutes Wetterfenster im April verpasst und im letzten möglichen Zeitfenster war dann das Wetter in Richtung Norden und in den Alpen schlecht, so dass wir in 2020 stattdessen nach Frankreich in die Bretagne geflogen waren (BVL-UL-Forum Bericht Frankreich 2020).

Auch dieses Jahr war das Ganze wieder eine Zitterpartie: Neben der immer spannenden Frage nach dem Wetter, kam pandemiebedingt auch noch die Sorge hinzu, ob uns Norwegen rechtzeitig für unseren angedachten Termin eine Einfluggenehmigung geben würde.

Während uns der dänische UL-Verband bereits Anfang Mai für 90 Tage eine Einfluggenehmigung erteilt hatte und wir lediglich darauf hingewiesen wurden, doch bitte die jeweils gültigen Einreise- und Hygienevorschriften selber zu recherchieren und einzuhalten, machten die Norweger ihrem Ruf, mit Einreisen strenger umzugehen als andere europäische Länder, wieder mal alle Ehre: Nicht nur, dass die Norweger zusätzlich zu Lizenz, Medical, Versicherungsnachweis und Jahresnachprüfung als Sprachnachweis auch noch einen ICAO Proficiency Level 4 fordern, nein, die norwegische Luftfahrtbehörde lehnte unseren Antrag im Mai rundherum ab: Wegen der Coronapandemie erteile man grundsätzlich keine Einfluggenehmigungen. Man möge doch bitte geduldig eventuelle Lockerungen seitens der norwegischen Regierung zu einem späteren Zeitpunkt abwarten.

Das war dann erst Anfang Juli soweit: Wir haben direkt nach der Veröffentlichung gelockerter Einreiseregeln den Antrag gestellt und 7 Tage später, gerade rechtzeitig zum geplanten Beginn der Tour, auch erhalten! Was noch besser war: In Bergen sollte es laut Wettervorhersage ganze 5 Tage sonniges Wetter ohne Regen am Stück geben, genau in der Woche, die wir für Norwegen geplant hatten. Das fühlte sich eigentlich an wie ein 6er im Lotto!

Nur „eigentlich“, weil sich zum einen Gerd ein paar Wochen zuvor in Frankreich am Bein verletzt hatte, weil er beim Absteigen von der Fläche seines Tiefdeckers die Trittstufe unter dem Flügel verfehlte und sich diese dann tief in seinen Unterschenkel bohrte. Er kurierte diese heftige Verletzung immer noch aus, so dass er für diese Tour leider ausfiel und zu Hause bleiben musste.

Zum anderen, weil in der Woche vor unserem geplanten Flug die Skylane beim Rollen leider so schwer beschädigt wurde, dass ich sie für diese lange ersehnte Tour nicht nutzen konnte.
Unversehens fand ich mich in der Rolle eines Fußgängers wieder :-(

Netterweise hat mich Herbert eingeladen, als Co-Pilot in seiner CT mitzufliegen! Das Angebot habe ich in Anbetracht der Umstände gerne angenommen :-)

Herbert ist sehr viel mit dem UL in ganz Europa unterwegs und ein unglaublich fleißiger Videofilmer. Er plant Videos von allen Etappen unseres Norwegentrips auf seinem YouTube-Kanal DHOntour zu veröffentlichen. Einen Überblick über unsere geplante und geflogene Route für Norwegen hat er in einem kurzen Video zusammengefasst: Die Route meines Fluges nach Norwegen: Bremen, Büsum, Kristiansand, Stavanger, Bergen, Anda 1(8)

Und dann war es endlich soweit: Alle erforderlichen Genehmigungen inklusive meines Urlaubs, sowie die Impfzertifikate lagen vor und unglaublicherweise war auch das fünftägige Wetterfenster für Bergen in der Vorhersage immer noch vorhanden! Lediglich Herberts Anreise aus dem bzw. der Rückflug nach Ende der Norwegen-Tour in den Kölner Raum standen wettermäßig ein wenig auf der Kippe.

Aber Herbert kämpfte sich durch einen herausfordernden Wolkenhimmel und vereinzelte Schauer von seinen Heimatplatz über das Sauerland bis Bremen durch und holte mich vormittags pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt am Flughafen Bremen ab.

1. Etappe Bremen – Büsum - Aalborg/DK

Aber wie kommt man auf einem Internationalen Flughafen wie Bremen, mit seinen ganzen Sicherheitsvorkehrungen und seit das GAT komplett geschlossen wurde, zu einem gerade gelandeten und auf dem Vorfeld geparkten, fremden UL, das einen aufsammeln will?

Im Flughafengebäude war es eine besondere Erfahrung für mich am normalen Security Check für die Linienpassagiere eine spezielle Bordkarte zu beantragen, mit der man dann den gesonderten Security Check für Crews durchlaufen und so die lange Warteschlange umgehen kann. Aber so Typen wie mich, mit Tagesrucksack, Headsettasche, ohne weißes Hemd und Schulterklappen, aber dafür mit einer Schwimmweste unter Arm, kommen dort offenbar nicht so häufig vor, so dass es einige Zeit dauerte, bis klar war, ob ich nun als Passagier oder Crew eines Privatfluges eingeordnet werden musste. Im Besitz einer Fluglizenz zu sein und diese auch dabei zu haben, war dann für alle Beteiligten von Vorteil. So durfte ich schließlich durch eine unscheinbare Nebentür den Security Check für Crews durchlaufen. Löste aber dort beim zuständigen Personal nochmal einiges an Stirnrunzeln und eine „röntgenartige“ Inaugenscheinnahme meiner UL-Lizenz aus. Anscheinend sind UL-Piloten am Bremer Flughafen eine sehr seltene Spezies ;-) Irgendwann saß ich dann aber glücklich bei einem Marschaller im Follow-Me-Wagen und wurde über das Vorfeld zur Parkposition in Herberts CT kutschiert :-)
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Herbert beim Verstauen meines Gepäcks auf dem Flughafen Bremen
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Als letzter Tankstopp vor dem Sprung über Dänemark und das Skagerrak hinweg nach Kristiansand in Norwegen hatten wir Büsum eingeplant. Superplus ist dort vergleichsweise günstig und außerdem gibt es leckeres Krabbenbrot im Flugplatzbistro. Das haben wir natürlich standesgemäß über Funk bestellt, indem wir „Und zweimal Kilo Bravo, bitte!“ an unsere Funkmeldung angehängt haben.
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"2x Kilo Bravo, bitte!" - Mittagessen mit regionaltypischer Küche in Büsum: Krabbenbrot
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In Büsum am Platz galt unsere Aufmerksamkeit diesmal nicht den kostenlosen Leihrädern, mit denen man schöne Ausflüge zum Büsumer Hafen und Strand unternehmen kann, sondern einzig und alleine dem Wetter in Kristiansand und auf dem Weg dahin. Während uns die leichten, über Jütland vorhergesagten Nieselregenschauer umfliegbar erschienen, war Herbert der Wind in Kristiansand für eine sichere Landung mit bis zu 27 kn in Böen eindeutig und gut nachvollziehbar zu stark, die aber über Nacht nachlassen sollten. Da sah es diesseits des Skagerraks in Aalborg mit Windgeschwindigkeiten von immer noch 15-20 kn akzeptabler aus. So entschieden wir den ersten Tag bereits in Aalborg (Dänemark) enden zu lassen.

Reisen in Corona-Zeiten: Man blickt ja durch die sich ständig ändernden Einreise- und Hygieneregeln, die sich ja von Staat zu Staat oder sogar innerhalb eines Staates auch noch zwischen den Bundesländern oder Regionen unterscheiden können, nicht mehr so genau durch. Das einzige, was bei allen Ländern gleich ist: Beim Lesen der Bestimmungen entsteht immer der Eindruck, man bliebe besser gleich zu Hause, weil man ansonsten bei Missachtung der Regeln mindestens in einer Quarantäne, wenn nicht sogar in einem Gefängnis landet ;-)

Da wir ursprünglich geplant hatten, über Dänemark hinweg zu fliegen, hatten wir uns mit den Einreisebestimmungen für Dänemark nicht ganz so intensiv auseinandergesetzt wie mit den Regeln für Norwegen. Uns war nur klar, dass Dänemark als Mitglied des Schengen-Abkommens bei Einreisen aus anderen Schengen-Staaten keine Passkontrollen vornimmt, aber sehr wohl Zoll- und Coronakontrollen durchgeführt werden. So waren wir dann auch sehr gespannt, was uns erwarten würde, nachdem uns der Follow-Me-Wagen in Aalborg am Terminal absetzte. Wir traten durch die automatische Schiebetür vom Vorfeld direkt in die großzügige Terminalhalle. Kein Uniformierter in Sicht, keine Durchgangs-, Zoll- oder Coronakontrolle, kein Behördenvertreter, der auch nur ein Fitzelchen Papier von uns sehen wollte!?! Aber so war es: Wie inzwischen überall üblich, herrschte innerhalb des Gebäudes Maskenpflicht, und an jeder Ecke stand ein Handdesinfektionsmittelspender, aber niemand interessierte sich für unser Erscheinen oder gar unseren Impfstatus. Wir hätten auch alle Seuchen dieser Welt inklusive eines Koffers voll Whiskey nach Dänemark schmuggeln können. Kein Schwein hätte es gemerkt. So stellt man sich das Reisen in der EU vor ;-)

Auch der Taxifahrer und der freundliche junge Mann an der Hotelrezeption interessierten sich ausschließlich für unsere Kreditkarten, nicht aber für die Impfzertifikate. Die Dänen waren halt schon immer etwas entspannter, oder? Nein, nicht ganz: Die Dame im Restaurant bestand nachdrücklich auf dem Nachweis der vollständigen Impfung, bevor sie uns einen Tisch für das Abendessen zuweisen wollte. Weil es vorher aber überall so lax zugegangen war, hatte ich den im Hotel gelassen und durfte jetzt die 7 min nochmal zurück gehen, um das gute Stück Papier von dort zu holen. Zurück im Restaurant habe ich minutenlang vor dem Empfangscounter auf das Erscheinen von Personal gewartet, um dann letztendlich zu Herberts Tisch zu gehen, ohne mein Impfzertifikat irgendjemandem gezeigt haben zu müssen. Das soll einer verstehen…

Herberts Video unserer ersten gemeinsamen Etappe findet Ihr unter Flug von der Mönchsheide über Bremen und Heide-Büsum nach Aalborg/Dänemark 2(8) auf YouTube.

Man kann im Video sehr schön den gesamten Funkverkehr auf Englisch mit der dänischen Flugsicherung beim Einflug nach Dänemark, den Durchflug durch die CTR Billund und am kontrollierten Flughafen von Aalborg mit der Starkwindlandung verfolgen.

Viel Spass beim Gucken!

Oliver

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Oliver Seack
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Re: Bericht Norwegen 2021 - 2. Etappe: Skagerrak

Beitrag von Oliver Seack » 29.09.2021, 20:53

2. Etappe Aalborg/DK – Kristiansand/N – Überquerung des Skagerraks

Am nächsten Morgen sind die guten Bedingungen der Vorhersage für die Überquerung des Skagerraks eingetroffen: Blauer Himmel, kaum Wolken, zwar immer noch 20 kn Wind über dem Skagerrag selbst, aber schwacher Wind für den Start in Aalborg und die Landung in Kristiansand :) Wir geben noch im Hotel einen Flugplan auf.
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Abschiednehmen am Flughafen auf Dänisch
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Bevor wir die Schwimmwesten anlegen und das UL besteigen, nehmen wir nochmal die Cowling ab und kontrollieren sämtliche Schläuche, Kabel und Bowdenzüge am Motor hinsichtlich irgendwelcher Auffälligkeiten. Alles in Ordnung.

Nach dem Start geht es rauf auf FL65 und rüber über den „Teich“. Die Verständigung mit FIS auf Englisch ist gut. Wir erhalten problemlos Freigaben für alle TMAs und TRAs auf der Strecke zwischen Aalborg und Kristiansand.

Über dem Skagerrak spannt sich oben und unten scheinbar endloses Blau, das im Sonnenschein freundlich zu uns herauf blinkt. Den Kontakt zu FIS, einen Flugplan aufgegeben und aktiviert und ein ELT, sowie ein PLB an Bord zu haben, sind beruhigend. Trotzdem ist es im Cockpit deutlich ruhiger als sonst. Wir lauschen dem gleichmäßigen Brummen des Motors und halten Ausschau nach Schiffen, in deren Nähe wir im Falle eines Motorausfalls notwassern könnten. Irgendwann taucht im Dunst die Küste Norwegens auf. Nach knapp einer Stunde Flugzeit landen wir ohne irgendwelche Probleme in Kristiansand und sind spürbar erleichtert.
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Kristiansand/N: Geschafft! Ein sichtlich entspannter Pilot nach der Überquerung des Skagerrags
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Längere Strecken über Wasser sind für mich doch recht ungewohnt. Meine längste Etappe über Wasser bislang, von Skagen an der Nordspitze Dänemarks zur Insel Laesoe im Kattegat, war nicht mal halb so lang wie unsere Etappe jetzt über das Skagerrak. Herbert ist schon längere Legs von bis zu 2,5 h über das Mittelmeer von Südfrankreich nach Korsika und quer über Adria von Italien nach Dubrovnik (Kroatien) geflogen. Aber dort sind, für den Fall einer Notwasserung, auch die Wassertemperaturen deutlich angenehmer...

Jetzt sind wir gespannt, ob sich die norwegischen Behörden bei unserer Einreise in der Realität genauso locker verhalten werden, wie die dänischen. Aber nein, auf die Norweger ist Verlass: Hinter dem Lkw-Schiebetor, das für uns ferngesteuert mit einem orange blinkenden Rundumlicht geöffnet wird, als wir den Flugplatz für unsere Mittagspause verlassen wollen, stehen, wie nach Aktenlage zu erwarten eine Zollbeamtin und ein Mitarbeiter des örtlichen Corona-Testcenters. Die attraktive, sommersprossige Zöllnerin mit sehr abweisendem Gesichtsausdruck :( und ein Mitarbeiter des Testcenters, freundlich lächelnd :) in voller Schutzmontur und Gesichtsvisier und zwei gezückten Teststäbchen in der linken und rechten Hand in der prallen Mittagssonne. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen: Würde er diese Teststäbchen nur ein wenig höher, wie zwei Hörner über seinen Kopf halten, hätte er durchaus Ähnlichkeiten mit einem Teletubbie... ;)

Die Zöllnerin ist relativ kurz angebunden, fragt nach unserem Woher und Wohin, möchte unsere Personalausweise sehen und fragt, ob wir geimpft seien. Als wir freudestrahlend unsere EU-Impfzertifikate präsentieren, weil sich endlich mal jemand von Amts wegen dafür interessiert, wie es sich gehört, lächelt die Dame vom norwegischen Zoll zum ersten Mal. Ihr Tonfall wechselt sofort in einen freundlichen Smalltalk und sie heißt uns herzlich in Norwegen willkommen! Jetzt sind wir offenbar keine Fremden mehr, denen man besser erst mal nicht über den Weg traut, sondern willkommene Gäste! Ein schönes Gefühl :)

Dem Teletubbie, der immer noch lächelnd mit den zwei Teststäbchen in den Händen im Ganzkörperanzug in der Sonne schwitzt, entgleisen dagegen hinter seinem Schutzvisier die Gesichtszüge, als ihm klar wird, dass er seine Box mit dem ganzen Testequipment und der Schutzmontur gerade völlig umsonst die 500 m vom Hauptterminal an dieses Tor geschleppt hat :o :roll: Seine Hoffnung, zwei höchstwahrscheinlich infizierte „Germanen in freier Wildbahn harpunieren“ zu können, hat sich gerade in Luft aufgelöst. Er muss unverrichteter Dinge wieder abziehen. Er tut mir richtig leid. Wenn wir das vorher gewusst hätten, hätten wir unsere EU-Impfzertifikate bereits im Funk angekündigt. Dann hätte der gute Mann im Testcenter bleiben können und die Zöllnerin hätte uns vielleicht direkt mit einem Lächeln begrüßt...

Wir haben es geschafft: Wir sind endlich in Norwegen!

Das Video von Herbert zu dieser Etappe gibt es unter diesem Link: Flug von Aalborg, Dänemark, nach Kristiansand Norwegen 3(8)

Viel Spaß beim Gucken!

Oliver
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Nach der Ankunft in Kristiansand/N: Geschafft! Ein sichtlich entspannter Pilot nach der Überquerung des Skagerraks
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gbillerbeck
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Re: Bericht Norwegen 2021

Beitrag von gbillerbeck » 01.10.2021, 12:45

Toller Bericht. Vielen Dank. Wir sollten überlegen solche Reiseberichte auf unser Website zu veröffentlichen.
Das ist eine tolle Werbung für das UL-Fliegen.

Götz

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Oliver Seack
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Re: Bericht Norwegen 2021

Beitrag von Oliver Seack » 03.10.2021, 08:53

Moin Götz,

es freut mich, dass Dir der Bericht gefallen hat :)

Eine Zusammenfassung davon auf der BVL-Homepage zu veröffentlichen, ist eine gute Idee und auch für den Norwegentrip schon angedacht.

Von den letzten großen Touren (Frankreich, Alpenweinweisungen) habe wir bereits einige Kurzberichte auf der Homepage des BVL veröffentlicht (Ultraleicht-Blog auf der Homepage des BVL). Ich bin da mit Joachim Lange, der den UL-Teil der Homepage pflegt, in gutem Kontakt.

Auch der Teil "Berichte & Bilderecke" des BVL-UL-Forums ist ja öffentlich, aber evt. nicht ganz so prominent wie die Website des BVL. Vielleicht könnte man in den Kurzberichten noch einen Link auf die jeweiligen, ausführlichen Beiträge im Forum einbinden. Mal schauen...

Viele Grüße,

Oliver

Erhard
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Re: Bericht Norwegen 2021

Beitrag von Erhard » 09.10.2021, 11:34

Hallo Oliver, Deinen Bericht über euren Flug nach Norwegen habe ich soeben erst entdeckt. Ich finde ihn schön und sehr anschaulich, doch nun wartet alle Welt darauf zu hören wie es sich ÜBER Norwegen fliegt. Da hast Du sicher für uns noch etwas in petto.
Dein Bericht hat mich übrigens auf einen Gedanken gebracht: Da ich kürzlich in Polen meine Wasserflugberechtigung verlängert habe, könnte ich ja darüber auch ein paar Zeilen schreiben. Mal sehen.
Vielen Dank für Deinen Report. Da ist ja die Tragik mit der TE etwas kompensiert worden, jedenfalls für Dich.
Gruß, Erhard

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Oliver Seack
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Re: Bericht Norwegen 2021

Beitrag von Oliver Seack » 09.10.2021, 20:57

Hallo Erhard,

keine Sorge, natürlich geht die "Norwegen-Sage" noch weiter! Wir haben noch ein paar Etappen und Anekdoten auf Lager ;)

Ich war nur in der letzten Woche vollauf mit der Erprobung der D-MARE der FVHF beschäftigt und die läuft noch nicht ganz so rund, wir uns das gewünscht hätten. Die Flugerprobung der D-MARE hat da momentan natürlich Vorrang. Von daher bitte ich um etwas Geduld bis der nächste Teil des Berichts über Norwegen erscheint.

Einen Bericht über Deine Wasserfliegerei fände ich super!

Viele Grüße,

Oliver

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Oliver Seack
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Re: Bericht Norwegen 2021 - 3. Etappe Kristiansand – Lysefjord – Stavanger

Beitrag von Oliver Seack » 13.10.2021, 20:25

Von Kristiansand aus fliegen wir erst mal in westlicher Richtung entlang der wunderschönen Schärenküste weiter: Unter einem blauen Schäfchenwolkenhimmel gleiten wir über türkisfarbene Buchten mit Sandstränden, die sich mit Felsinseln aller Größen abwechseln. Die Ferienhäuser, die man überall an der Küste und auf den Schäreninseln findet, scheinen alle bis auf das letzte Bett belegt zu sein. An den Stränden und auf dem Wasser herrscht reges Treiben. Überall Badende, Boote, Yachten. Die norwegischen Sommerferien sind im vollen Gange und die Norweger genießen ihren kurzen Sommer in vollen Zügen. Ein Bild wie aus einem Wimmelbuch.

Wir biegen hinter dem Ort Flekkefjord von der Küste ins Landesinnere nach Norden ab, folgen einem langen, sehr schmalen See, dem Sirdalsvatnet, und fliegen über die endlosen Wälder und später über die kahlen Fjälls (norwegisch für Hochebene) Südnorwegens zum östlichen Ende des Lysefjords.
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Unsere Flugroute auf der 3. Etappe von Kristiansand übder den Lysfjord nach Stavanger
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Soweit das Auge reicht, fliegen wir über riesige, von den Gletschern während der Eiszeiten rundgeschliffene Felsbuckel aus Granit, nur spärlich bedeckt von einem hauchdünnen Teppich Flechten und Moosen. Überall glitzern unzählige, kleine Teiche oder Seen aus flachen Felssenken zu uns hinauf. „Eine Granitallergie sollte man als Norweger besser nicht haben“, ist mein Kommentar in Anbetracht dieser Felswüste.

Im Gegensatz zur belebten Südküste, bekommen wir auf diesem Teil des Fluges das erste Mal einen Eindruck von der Weite und Unberührtheit großer Teile der norwegischen Natur. Norwegen ist mit ca. 385.000 km² Fläche ungefähr 10% größer als Deutschland, hat aber mit 5,3 Mio. Einwohnern nur 6% der Einwohner. Die Einwohnerdichte in D beträgt 233 Einwohner/km², in N dementsprechend nur 14 Einwohner/km².

Das sehen wir hier mit eigenen Augen: Nur ungefähr alle 15 min überqueren wir mal eine Straße, passieren ein Dorf oder einen Weiler. Wer Ruhe und Einsamkeit sucht, muss in Norwegen nicht weit fahren, die findet man außerhalb der Städte quasi überall. Herberts Ansicht dazu: „Dagegen sind die Alpen ein einziger Ballungsraum!“

Der Einflug in den Lysefjord, der sich schluchtartig in der endlosen Hochebene vor uns öffnet, ist eine willkommene Abwechslung. Bei dem Kaiserwetter, das glücklicherweise herrscht, ist der Ausblick aus der Luft über den schmalen Fjord mit seinem steilen, bis zu tausend Meter hohen Felswänden grandios.
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Ausschnitt aus der Flugroute vom Lysefjord
Flight Log Kristiansand-Stavanger - Ausschnitt Lysefjord.png (1.38 MiB) 5230 mal betrachtet
Wir fliegen zuerst das Südufer des Fjords entlang. Wir suchen die erste Attraktion des Lysefjords, den „Kjeragbolten“. Das ist eine 5m³ große Felskugel, die in einer Felsspalte eingeklemmt, hoch über dem Fjord „schwebt“. Nun, wir lernen schnell, dass so eine Felskugel zwar auf Fotos, die von Wanderern vom Boden aus gemacht wurden, sehr eindrucksvoll aussieht, aber aus einem schnellfliegenden UL überhaupt erst mal gefunden sein will. Trotz abgespeicherter GPS-Koordinaten dauert es eine ganze Weile, bis wir das Fels-Ei schließlich entdecken. Aus einiger Entfernung aus der Luft betrachtet, nimmt sich der Kjeragbolten aber eher wie ein Stecknadelkopf aus. Doch nicht das ganz das richtige Sightseeing-Objekt für eine UL-Tour ;)

Ganz anders, das nächste Highlight: Unsere Blicke konzentrieren sich jetzt auf das Nordufer auf der Suche nach dem „Preikestolen“ (norwegisch für Predigtstuhl = Kanzel in der Kirche). Das ist eine fast quadratische, 25 x 25 m große Felsplattform, die aus einer Felswand hervorragt. Die Wände des Preikestolen stürzen 600 m mehr oder weniger senkrecht bis zur Meeresoberfläche im Fjord hinab. Atemberaubend!

Die Plattform ist gut besucht, obwohl man diesen speziellen Ort nur in 4 h zu Fuß wandernd erreichen kann und dabei 500 Höhenmeter überwinden muss. Beim Vorbeiflug an der markanten Felsnase entdecke ich einen Menschen, der scheinbar seelenruhig direkt an der Felskante sitzt und seine Beine über dem Abgrund baumeln lässt :o Der hat offenbar Nerven wie Drahtseile! Da fühle ich mich in unserer komfortablen Aussichtsplattform, der CT von Herbert, deutlich sicherer.
Preikestolen am Lysefjord.jpg
Die Felsplattform des "Preikestolen" am linken Bildrand.
Preikestolen am Lysefjord.jpg (413.79 KiB) 5230 mal betrachtet
Beim Anflug auf den internationalen Flughafen von Stavanger ist Herbert ganz in seinem Element. Während ich eher eine ausgeprägte Vorliebe für kleine und kleinste Graspisten „in der Mitte von Nirgendwo“ oder auf einsamen Inseln hege, fühlt er sich als Pilot dann am wohlsten, wenn er sich mit seinem UL mindestens zwischen zwei Jumbo-Jets einreihen kann ;)

Nun, Jumbo-Jets gab es bei unserer Ankunft in Stavanger nicht gerade, aber einige Passagierjets und Turboprops von nationalen und regionalen Fluggesellschaften waren am Flughafen aktiv, sowie eine ganze Reihe größerer Transporthubschrauber, die die Mitarbeiter zu den Offshoreplattformen für Norwegens Küste fliegen. Der Luftraum und die Frequenz von Stavanger waren im Vergleich zu der himmlischen Ruhe über den Fjälls richtig „busy“.

Wir schweben airlinermäßig auf die riesige Runway von Stavanger ein. Herbert ist glücklich.

Die Freude über den gelungenen Anflug und die Landung auf dem großen Flughafen wird aber deutlich gedämpft, als wir feststellen müssen, dass zum einen der Abstellplatz für die General Aviation in der letzten Ecke des Flughafens, kilometerweit vom Passagierterminal weg und zum anderen das „General Aviation Terminal“ eher eine Handling Agentur für Business-Jets und noch dazu unbesetzt ist. Es findet in Stavanger offenbar auch niemand nötig einen Marschaller in einem Follow-Me-Car vorbeizuschicken, um uns zum Terminal zu bringen, wie das auf den Flughäfen von Bremen und Aalborg, ohne Nachfragen, ganz selbstverständlich war. So latschen wir denn notgedrungen zu Fuß mit unserem Gepäck, Herberts Videoequipment und gefühlt bis ans Ende der Welt über das Vorfeld, bis wir zu einem, uns bereits aus Kristiansand bekannten, ferngesteuerten Lkw-Tor gelangen. Und auch hier findet sich wieder ein freundlicher Flughafen-Mitarbeiter, der uns ohne viel Federlesen das Tor ferngesteuert öffnet. Auf wiederholte Nachfragen unsererseits erklärt er uns bestimmt, dass wir morgen genau durch dieses Tor auch wieder auf den Flughafen zurück zu Herberts UL kommen könnten. Weit und breit ist aber keine Sicherheitskontrolle zu sehen!?!

Während in Deutschland seit 9/11 ja jeder General Aviation- und Sport-Pilot an einem internationalen Flughafen potentiell als fliegender Selbstmordattentäter angesehen und daher auch den gleichen rigiden Sicherheitskontrollen unterworfen wird, wie die Passagiere von Airlines und die PPLer zusätzlich noch eine Zuverlässigkeitsüberprüfung (ZÜP) bestehen müssen, scheinen die Skandinavier zu Piloten von kleinen Flugzeugen noch immer ein ganz entspanntes Verhältnis zu haben: Wir durchlaufen an keinem der größeren Flughäfen in Dänemark oder Norwegen auch nur irgendeine Sicherheitskontrolle! So geht es also auch. Ich frage mich, wie wohl die Norweger heute mit Kleinflugzeugpiloten umgehen würden, wenn die Attentäter vom 11. September nicht in Hamburg studiert und ihre Flugausbildung gemacht hätten, sondern in Oslo…

Nachdem wir es endlich geschafft haben, das Flughafengelände zu verlassen und die restlichen 2 km bis zum Terminal mit einem Shuttlebus zurückzulegen, machen wir uns online per Smartphone und Tablet auf die Hotelsuche.

Da man beim VFR-Fliegen stark vom Wetter abhängig ist, ist die Vorabbuchung eines Zimmers immer mit dem Risiko verbunden, dass man ggf. ein Hotelzimmer bezahlen muss, dass man gar nicht nutzen kann, weil man wetterbedingt völlig woanders hinfliegen musste als geplant. Mit der Suche nach einem Zimmer erst spontan nach der Landung am Zielort zu beginnen, wenn man wirklich da ist, hatte ich letztes Jahr zusammen mit Gerd in Frankreich überwiegend gute Erfahrungen gemacht. So haben wir beschlossen, es auch dieses Mal in Norwegen trotz Hauptsaison so zu versuchen. Wir spekulieren wieder darauf, dass der Andrang aufgrund der Coronapandemie nicht so groß ist wie sonst, und sich in den größeren Städten auch kurzfristig immer noch zwei Zimmer finden lassen.

Nun, das Zimmerangebot in Stavanger ist überschaubar und für unsere Verhältnisse mit umgerechnet 250€ pro Nacht und mehr durchaus hochpreisig. Ist ja auch klar: Die kostengünstigeren Unterkünfte sind natürlich alle schon lange vorab von Norwegern gebucht worden, die wegen Corona im eigenen Land Urlaub machen. Dass Norwegen für uns Deutsche als Reiseland relativ teuer ist, war uns schon bei der Planung bewusst. Das aber jetzt „in echt“ zu erfahren, ist doch ungewohnt. Als Herbert dann im Internet zwei Zimmer etwas außerhalb vom Zentrum von Stavanger für 124€ pro Zimmer und Nacht findet, schlagen wir sofort zu :D

Glücklich für die Nacht noch ein einigermaßen erschwingliches Dach über dem Kopf gefunden zu haben, nehmen wir für die Fahrt vom Flughafen ins Zentrum von Stavanger einen Expressbus. Beim Einsteigen fragt uns der Fahrer, in welches Hotel wir möchten. Wir nennen ihm den Namen des Hotels. Er runzelt kurz die Stirn, doch dann hält sich seine Miene auf. Ja, doch das würde er kennen. Es läge zwar nicht auf seiner normalen Route, aber er würde für uns einen kleinen Umweg fahren und uns dann am Hotel rauslassen. Ich stutze kurz, aber der Fahrer versichert uns, dass sei alles kein Problem und das Hotel sei auch in Ordnung.

Als der Busfahrer uns Bescheid gibt, dass wir angekommen seien, zeigt er noch rüber auf die andere Straßenseite und betont nochmal, dass wir dort unser Hotel finden würden. Als der Bus die Haltestelle verlassen und den Blick auf die andere Straßenseite freigegeben hat, sind wir es, die jetzt die Stirn runzeln: Wir sehen als erstes einen Windsack, eine Hubschrauberlandeplattform samt Rettungshubschrauber und dahinter eine mehrstöckiges Hochhaus mit Waschbetonfassade!?! :shock: Das sieht eher nicht aus wie ein Hotel, sonder wie ein ...äähh… „Krankenhaus“ :?: :!: :?:
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Der Blick von der Bushaltestelle, nach dem der Bus abgefahre ist: Das soll unser Hotel sein!?!
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Schluck, sind wir hier zufällig als ahnungslose Opfer in eine Aufzeichnung für die norwegische Version von „Verstehen Sie Spaß?“ geraten? Wir sind schwer irritiert, konsultieren nochmal fiebrig unsere Buchungsbestätigung und Google Maps, ob hier irgendein Missverständnis vorliegt. Aber sowohl unsere Dokumente, als auch die elektronische Karte, behaupten genau wie der Busfahrer steif und fest, dass an exakt dieser Adresse, wo wir stehen, unser Hotel zu finden sei! Immer damit rechnend, dass jeden Augenblick Guido Cantz hinter einem Busch hervor gesprungen kommt und uns schadenfroh aus voller Brust „Verstehen Sie Spaß?“ entgegen schmettert, setzen wir uns sehr zögerlich mit unserem Gepäck in die angesagte Richtung in Bewegung. Wir stellen fest, dass das Waschbetonhochhaus mit Windsack und Hubschrauberlandeplattform tatsächlich das ist, wonach es aussieht, nämlich kein Hotel, sondern ein Krankenhaus! Und mit 7500 Mitarbeitern auch kein kleines: Es ist das „Stavanger Universitetssjukehus“, was wörtlich übersetzt das „Stavanger Universitätsseuchenhaus“ bedeutet. Na klasse! Gerade noch in Kristiansand mit dem frisch ausgestellten Corona-Impfzertifikat der Zöllnerin ein charmantes Lächeln ins Gesicht gezaubert, landen wir in Stavanger direkt im Seuchenhaus!?! Nach unserer ellenlangen Odyssee zu Fuß über den halben Flughafen jetzt das hier!? Seuchenhaus!?!! Ist das Euer Ernst?! Mit Stavanger werden wir irgendwie nicht so richtig warm ;)

Beim Näherkommen entdecken wir dann, dass am rechten Gebäudeflügel tatsächlich ein Schriftzug „St. Svithun Hotel“ angebracht ist! Das ist das von uns gebuchte Hotel! Es stellt sich heraus, dass wir unsere Zimmer im Gästehaus der Universitätsklinik von Stavanger gebucht haben. Dort können Angehörige von Krankenhauspatienten wohnen. Während der Sommerferien werden freie Zimmer aber auch für Touristen auf Internetportalen angeboten. Statt Guido Cantz gibt es Notrufknöpfe über dem schmalen Bett, eine Notrufstrippe im Bad, Rettungshubschrauber, die vorm Fenster vorbeischweben und, das sei hier vorweg genommen, am nächsten Morgen ein eher krankenhausmäßig bescheidenes Frühstücksbüffet. Ein sehr interessanter Auftakt! Aber günstig!!!!

Am Abend fahren wir mit dem Bus ins Stadtzentrum und genießen unser Abendessen auf der Terrasse des Restaurants Villa 22, einem hübschen, alten Holzhaus mit Blick über den Altstadt-Hafen. Es herrscht ein reges Treiben und ausgelassene Stimmung. Alle genießen die langen Mittsommertage. Auch wir freuen uns, noch spät am Abend bei Tageslicht draußen sitzen zu können.

Getrübt wird der nette Eindruck lediglich durch den sehr frischen Nordwind, der die ganze Woche an der Westküste Norwegens entlangweht und es draußen, trotz des späten Sonnenuntergangs, schnell ungemütlich werden läßt, die hohen Bierpreise und eine offensichtliche Schwäche der Norweger für lediglich halb gegartes Gemüse als Beilage zum Essen ;)

Da ein Bild mehr als tausend Worte sagen kann, bewegte Bilder noch viel mehr und das Beste bekanntlich immer am Schluss kommt, hier der Link zu Herberts Video von dieser Etappe: Flug von Kristiansand über den Lysefjord nach Stavanger

Viel Spass beim Gucken!

Oliver
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Stavanger Sjukehus.jpg
Der Blick von der Bushaltestelle nach dem der Bus abgefahren ist: Das soll unser Hotel in Stavanger sein!?!
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Preikestolen am Lysefjord.jpg
Die Felsplattform des "Preikestolen" links im Bild.
Preikestolen am Lysefjord.jpg (413.79 KiB) 5230 mal betrachtet
Flight Log Kristiansand-Stavanger - Ausschnitt Lysefjord.png
Ausschnitt unserer Flugroute vom Lysfjord bis Stavanger.
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Erhard
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Re: Bericht Norwegen 2021

Beitrag von Erhard » 17.10.2021, 15:25

Oliver, wenn es Dir bei Airbus zu langweilig wird, dann kannst Du Reiseschriftsteller werden. Ich war zigmal in Norwegen, aber so aufregend habe ich es dort "am Boden" noch nie erlebt.
Dank auch für den Link zu Herberts Youtube-Kanal. Seine Aufnahmen sind gut, er schneidet auch gut, und seine Kommentare und die abgedämpften Musikeinlagen sind angenehm.

Gruß, Erhard

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Oliver Seack
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Re: Bericht Norwegen 2021 - 4. Etappe Stavanger – Gletscher - Sognefjord – Sognedal

Beitrag von Oliver Seack » 18.12.2021, 16:54

Am folgenden Tag steht als erstes an, zurück zu Herberts UL auf dem internationalen Flughafen Stavanger-Sola (ENZV) zu kommen.

Internationale Flughäfen sind ja bekanntlich von einem hohen, mit Stacheldraht bewehrten Zaun umgeben, so dass man nicht einfach zu seinem Flugzeug spazieren kann, wie das in der Regel an kleineren Grasplätzen möglich ist. Als pflichtbewusste Deutsche betreten wir also das Passagierterminal, um uns einem ordnungsgemäßen Security-Check zu unterziehen, bevor wir wieder das Flugfeld betreten. Genauso, wie das ja auch bei der Abreise in Bremen abgelaufen ist, wo Herbert mich am Anfang der Tour abgeholt hat.

Aber unser Wunsch, uns als Sportpiloten einem Security-Check unterziehen zu wollen, löst auf der Seite des freundlichen und hilfsbereiten Security-Personals nur Kopfzerbrechen aus. Ohne Bordkarte keine Einlass! Und eine manuell erzeugt Pseudobordkarte, wie in Bremen, gibt es hier in Stavanger auch nicht.

20 min, drei Telefonate und zwei Hierarchiestufen später bzw. höher ist klar, dass wir einfach nur wieder zu dem ferngesteuerten Rolltor mit dem orangen Blinklicht gehen müssen, durch das wir gestern den Flughafen auch verlassen hatten, um dort zurück auf das Rollfeld zu gelangen.

Also mit dem Shuttlebus um den halben Flughafen zurück zu besagtem Rolltor, das sich tatsächlich für uns öffnet! Und das ganz ohne Security-Check! Eine Blickkontrolle und die Angabe unseres Kennzeichens reichen dem Flughafenmitarbeiter.

Da muss man erst mal drauf kommen, dass auch die Norweger immer noch ein ganz entspanntes Verhältnis zu Sportpiloten haben und man nicht – wie bei uns – automatisch im Verdacht steht, Terroranschläge verüben zu wollen, nur weil man einen Pilotenschein hat. Andere Länder, andere (in diesem Fall sehr gute) Sitten :)

Allerdings provoziert auch hier der fehlende Flugplan wieder die Nachfrage seitens des Flughafenmitarbeiters, ob das so richtig sei.

Konsequenterweise gibt es auch heute für uns keinen Transport per Follow-Me-Car oder Passagierbus über das Vorfeld zu unserem Flugzeug. Nachdem wir die elend lange Strecke vom Rolltor zum Vorfeld der General Aviation, wie am Vortag, samt Gepäck und des Videoequipment per Fußmarsch hinter uns gebracht haben, hält der Flughafen von Stavanger immerhin noch eine positive Überraschung für uns bereit: Wir wollen Herberts CT betanken. Der leicht angeranzte SB-Tankautomat für die General Aviation macht nicht den vertrauensvollsten Eindruck und hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Leider ist das gute Stück lediglich mit einem mit Klebeband fixierten Logo von Shell Aviation Fuels geschmückt. Wir sind aber nur im Besitz von Tankkarten der Konkurrenz BP :(

Ein freundlicher Absetzpilot, der gerade seine Cessna startklar macht, meint zudem, dass ihm nicht bekannt sei, dass es einen Tankservice seitens des Flughafens gäbe. Hier würden alle immer nur mit Karte in Selbstbedienung tanken. Na, das geht ja schon wieder gut los!

Mit dem Mut der Verzweiflung, steckt Herbert seine BP-Karte trotzdem in den Tankautomaten, und, warum auch immer, der "Shell"-Automat schaltet die Zapfsäule frei!?!
Kleine Wunder gibt es sofort, große dauern etwas länger :D Hurra, der Tag ist gerettet!
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Vor dem Abflug in Stavanger kontrolliert Herbert nochmal den Rotax seiner CT
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Wir fliegen wir von Stavanger aus in nordnordöstlicher Richtung. Anfangs, noch dicht an der Küste, überfliegen wir einige, von niedrigen Hügeln eingerahmte Fjorde, in denen die zahlreichen, ringförmigen Aufzuchtnetze der schwimmenden Lachsfarmen auffallen. Der Lachs auf unseren Frühstücksbrötchen kommt mit einiger Wahrscheinlichkeit aus einer solchen Farm.
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Unsere Flugroute von Stavanger vorbei an den Gletschern des Folgefonna Nationalparks nach Sogndal/Haukåsen
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Alsbald steigt das Gelände wieder merklich an, und am Horizont werden die Gletscher des Folgefonna-Nationalparks erkennbar, unser erstes Ausflugsziel für heute. Langsam fliegen wir die Abbruchkante des Gletschers entlang. Das Gletschereis unter uns schillert in allen Varianten von reinem blütenweiß und dort, wo der Neuschnee und der Firn vom Wind weggeblasen wurden, auch in einem hellen Blau. Unterhalb der Gletscher sammelt sich das Schmelzwasser in kleineren und größeren Gletscherseen, von denen einige intensiv türkis gefärbt sind. Ein faszinierendes Schauspiel, das dort an unseren Cockpitfenstern vorbei zieht.

Während sich in den Alpen Gletscher erst in Höhen ab ungefähr 2000 m entwickelt haben, ist der höchste Punkt des Folgefonnas nur ca. 1600 m hoch. Das macht das kühlere Klima Norwegens aufgrund der größeren geographischen Breite möglich.

Ebenfalls anders als bei den Alpengletschern ist die Lage des Folgefonna-Gletschers. In den Alpen liegen die Gletscher meistens, von schroff felsigen Gebirgskämmen mit ihren steilen Gipfeln eingerahmt, in Senken oder Tälern. Der norwegische Folgefonna-Gletscher liegt dagegen wie eine frisch aufgeschüttelte Daunendecke über der flachen, abgerundeten Kuppe des gleichnamigen Bergs. Das hat eher Ähnlichkeit mit dem grönländischen Inlandseis.

Nach dem wir uns an der weißen Pracht des Gletschers sattgesehen haben, fliegen wir dem Sørfjord folgend weiter in Richtung Nordnordost bis zum größten norwegischen Fjord, dem Sognefjord.
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Das östliche Ende des Sognefjords kurz vor der Landung in Sogndal (nicht im Bild)
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Für unsere Mittagspause haben wir uns den Flughafen von Sogndal/Haukåsen (ENSG) ausgeguckt. Mangels anderer ebener Landstücke, die groß genug für einen Flugplatz wären und hindernisfreie An- und Abflüge ermöglichen, wurde dieser Regionalflugplatz über dem Ufer des Fjords an einen Berghang gebaut. Die Start- und Landerichtung verläuft dabei parallel zum steilen Berghang. Im Anflug über das Wasser des Fjords wirkt das echt „schräg“!
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Die skurrile Lage des Flughafens Sogndal/Haukåsen mitten am Berghang über dem Fjord (in der Bild mitte)
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Im Queranflug auf die Piste 24 von Sogndal/Haukåsen
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Nach der Landung in Sogndal/Haukåsen
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Der Flughafen von Sognedal ist einer der ungefähr achtzig, staatlich betriebenen Regionalflughäfen Norwegens. Es gibt ein dichtes Netz davon, so dass jeder Norweger durchschnittlich nicht weiter als eine halbstündige Autofahrt von einem dieser Plätze entfernt lebt. Von diesen Flugplätzen aus gibt es regelmäßige Linienflüge zu allen größeren Flughäfen des Landes, wie Oslo, Stavanger, Bergen und Trondheim. Ideal für Berufspendler, die einen Job in einer größeren Stadt haben: Morgens mit dem Auto zum nahegelegenen Regionalflugplatz, dann mit einer Turbopropmaschine in die Stadt zur Arbeit und abends oder am Wochenende wieder nach Hause. Das erspart stundenlange Fahrten mit dem Auto oder Bus über die endlosen Serpentinenstraßen und um die zahllosen Fjorde herum, die einen zu langen Umwegen zwingen. Eisenbahnlinien sind in Südnorwegen praktisch nicht vorhanden. Es gibt nur zwei Linien die in West-Ost Richtung verlaufen und Stavanger bzw. Bergen mit Oslo verbinden. Dazwischen hunderte von Kilometern nichts als abwechselnd Granit und Wasser. Eisenbahnstrecken in Nord-Süd-Richtung würden deshalb nur aus Brücken und Tunneln bestehen. Da macht deren Bau wirklich keinen großen Spaß und wäre sündhaft teuer.

Für dieses Geld kann man auch locker eine große Zahl von Flughäfen bauen und betreiben. Diese Regionalflugplätze haben ca. 1000 m lange Pisten, sind voll IFR ausgestattet und weisen immer einen stattlichen Fuhrpark an Schneeräumfahrzeugen auf, damit der Flugbetrieb ganzjährig durchgeführt werden kann.

Nach einem netten Plausch mit dem Flugleiter von Sogndal machen wir Mittagspause an einem Picknicktisch vor dem Flugplatzgebäude. Während wir mit der Planung der nächsten Legs beschäftigt sind, schwebt eine norwegisch registrierte Cessna 172 zur Landung ein.

Das Pärchen an Bord wollte eigentlich weiter in den Norden nach Trondheim fliegen, kam aber wegen sich verschlechternder Wetterbedingungen mit niedrigen Wolken an der Küste nicht weiter. Daher haben sie sich entschieden, in Sogndal einen Zwischenstopp einzulegen und die vorhergesagte Wetterbesserung am Boden abzuwarten. Da deutsche UL-Piloten in diesen Breiten eine eher seltene Spezies ist, haben wir für die Mittagspause sofort interessierte Gesprächspartner.

Da wir nun Insider der örtlichen Hotelszene mit am Tisch sitzen haben, juckt es mich herauszufinden, ob unsere preisgünstige Übernachtung im Gästehaus der Stavanger Universitätsklinik ein zufälliger Ausreißer war, oder ob das Preisniveau hier in Norwegen wirklich so hoch ist. Ich komme bei meiner Frage nur bis zur Nennung des Zimmerpreises, da rutscht die Co-Pilotin des norwegischen Duos schon lauthals lachend von der Bank. Wenn wir ihr Prusten richtig interpretieren, kann man für diesen Preis in der Hauptsaison bestenfalls eine Gartengeräteschuppen, eine Gefängniszelle oder eben das Gästezimmer für Angehörige in einem Krankenhaus erwarten, aber keinesfalls ein übliches Hotelzimmer. Unsere Unterkunft war also kein Ausrutscher, sondern für diesen Preis „ganz normal“. Durch Fragen wird man schlauer ;)

Natürlich werden wir auch gefragt, wie uns Norwegen gefällt. Wir berichten begeistert von den Fjorden und den Gletschern, den endlosen, menschenleeren Weiten. Als ich anmerke, dass für uns die rundgeschliffenen Kuppen des norwegischen Gebirges total ungewohnt seien, da wir die eher schroffen Gipfel und Grate der Alpen kennen, was es in Norwegen ja nicht gäbe, ernte ich sofort entschiedenen Protest. Wir werden aufgeklärt, dass gar nicht weit von Sogndal in nordöstlicher Richtung eine „Hurrungane“ genannte Gebirgskette läge, die Teil des Jotunheimen-Nationalparks sei. Sie hätte einige, sehr schwierig zu besteigende Gipfeln, die um die 8000 ft = 2400 m hoch sind. Die seien durchaus sehr schroff. Das vermerken wir als Wegpunkt für den für morgen geplanten Rückflug vom Geirangerfjord nach Südnorwegen.

Das Video von Herbert zu dieser Etappe findet Ihr auf YouTube unter dem folgenden Link:
Flug von Stavanger über den Hardangerfjord und Sognefjord nach Sogndal

Viel Spass beim Gucken!

Oliver

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Oliver Seack
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Re: Bericht Norwegen 2021 - 5. Etappe: Sognedal – Sognefjord – Bergen

Beitrag von Oliver Seack » 18.12.2021, 21:48

Die Sonne scheint, und unter uns glitzert beim Weiterflug der Sognefjord. Seine Größe ist beeindruckend, und in Richtung Küste gleicht er schon eher einer Meeresbucht als einem engen Fjord.
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Unsere Flugroute von Sogndal entlang des Sognefjords nach Bergen
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Wir halten respektvoll Abstand zu den Hochspannungsleitungen, die an mehreren Stellen den Fjord und seine Seitenarme queren. Mit Licht von hinten sind die Stromleitungen bei den heutigen Sichtweiten aus ausreichend großer Entfernung gut zu erkennen. Aber bei Gegenlicht ist das erst aus sehr kurzer Distanz möglich. Bei stärkerem Dunst oder diesigem Wetter vermutlich gar nicht.

Da ist es gut zu wissen, ob alle Hochspannungsleitungen als Hindernisse in der Flugnavigationssoftware hinterlegt sind. Durch intensiven Vergleich von Karten, Satellitenbildern und den in unseren Navigationsprogrammen hinterlegten Daten haben wir im Rahmen unserer Planung für den Norwegenflug herausgefunden, dass es hier durchaus Unterschiede gibt: Während SkyDemon die in der norwegischen AIP veröffentlichten Hindernisse eins zu eins mit Höhenangaben und Verläufen der Stromleitungen wiedergibt, sind diese beispielsweise bei Foreflight nur teilweise dargestellt. Wir tracken während des Flugs also fortlaufend unsere Position auf der Karte mit und wählen eine ausreichende Sicherheitshöhe, um von diesen gefährlichen, weil schlecht sichtbaren Hindernissen einen sicheren Abstand einzuhalten.

Überhaupt sind die Vor- und Nachteile dieser beiden Programme in unserer kleinen Gruppe eine nie endende Debatte :-) Kurz zusammengefasst sind unsere Erkenntnisse folgende: Man merkt den Programmen ihre Herkunft an. Foreflight kommt aus den USA, funktioniert für IFR und VFR und hat Jeppesen als erfahrenen Anbieter von Luftfahrtinformationen im Hintergrund. Das äußert sich darin, dass an größeren Plätzen mit komplizierteren Anflugverfahren die An- und Abflugrouten und die dazugehörigen Frequenzen fast immer korrekt angegeben sind. Foreflight ist also die richtige Wahl für Piloten, die häufig und gerne große Plätze und Flughäfen anfliegen und evtl. ab und zu in den USA fliegen gehen oder auch nach IFR unterwegs sind.

SkyDemon ist ein europäisches Produkt (der Hersteller sitzt in England) und ist beschränkt auf die VFR-Fliegerei. Seine Stärken sind neben den offiziellen Flugplätzen aus der AIP des jeweiligen Landes auch Informationen von den UL-Verbänden auszuwerten, so dass z. B. In Deutschland und Frankreich auch UL-Plätze und Altisurfaces (Hochgebirgslandepisten) verzeichnet findet, die nicht in der AIP stehen. Oder eben auch alle Hochspannungsleitungen Norwegens. Für VFR- und speziell UL-Piloten, die in Europa vorzugsweise kleine und kleinste Plätze anfliegen ist, daher SkyDemon wahrscheinlich die bessere Wahl.

Wir gleiten in Gipfelhöhe die Uferhänge des Sognefjord entlang. Bei strahlendem Sonnenschein und Schäfchenwolken über den Fjälls links und rechts des Fjords, ein Bild, wie aus einem Traum.

Wir bereiten den Anflug auf den Flughafen Bergen-Flesland (ENBR)vor. Hier ist Herbert wieder ganz in seinem Element.
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Unverkannbar lebt die Stadt Bergen heute vom Erdöl - Ankernde Offshore-Plattformen im Anflug auf Bergen-Flesland
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Wir werden in relativ niedriger Höhe von unter 1500 Fuß über mehrere Wegpunkte von Nordwesten an den Gegenanflug zur Piste 35 heran geführt. Wie bereits in Stavanger setzen wir zwischen startenden und landenden A320, B737 und den großen Sikorsky-Helikoptern auf, die die Mitarbeiter zu den Offshore-Plattformen der staatlichen Ölfirma Statoil vor der Küste fliegen.

Der Anflug und die Landung auf der 3000 m langen Asphaltpiste gelingen ohne besondere Vorkommnisse. Das einzige was uns auffällt, ist die ungläubige Nachfrage des Towerlotsen, ob wir tatsächlich ohne Flugplan unterwegs gewesen seien.
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Im Queranflug auf die Piste 35 von Bergen-Flesland
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Im Final zur Piste 35 von Bergen-Flesland
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Wieder werden wir, wie in Stavanger, zu unserer Parkposition in die hinterste Ecke des Flughafens gelotst. Allerdings ist der Service hier in Bergen deutlich besser als in Stavanger. Ein Follow-Me-Car führt uns zur Parkposition und der freundliche Fahrer fragt gleich nach, ob er uns mitnehmen kann. Als wir ihm sagen, dass wir noch ca. 15 min brauchen, um das Videoequipment abzubauen, unser Gepäck auszuladen und den Flieger zu verzurren, bietet er sofort an, uns in 15 min jemanden zu schicken, der uns dann abholt. Pünktlich zur verabredeten Zeit kommt ein riesiger, gelber Passagierbus mit Elektroantrieb ganz allein für uns. Wir sind die einzigen Passagiere :-) Ein kilometerlanger Marsch über das Vorfeld zum Ausgang bleibt uns heute erspart. Sehr gut!

Der Busfahrer liefert uns wieder nicht am Terminal, sondern, richtig geraten, wir kennen es bereits aus Kristiansand und Stavanger, an einem mit Stacheldraht und orangem Rundumlicht bewehrten Rolltor ab, das sich wie von Geisterhand öffnet. Wir fürchten, nach dem Verlassen des Flughafengeländes „in the middle of nowhere“ zu stehen und nicht wegzukommen. Der Busfahrer redet uns aber gut zu, dass das alles seine Richtigkeit hätte und so verlassen wir etwas widerwillig den Bus und gehen durch das geöffnete Rolltor. Und tatsächlich, um die Ecke stehen Taxis. Wir nehmen eins für den Weg zu unserer heutigen Unterkunft. Im Vergleich zu Stavanger schneidet der Flughafen Bergen/Flesland bei uns als Sportpiloten deutlich besser ab. Wenn ich nochmal die Wahl hätte, würde ich an Stavanger vorbei direkt nach Bergen fliegen.

Nach unserer Erfahrung gestern in Stavanger und dem herzhaften Gelächter der Norwegerin während der Mittagspause in Sogndal haben wir uns heute entschieden, Zimmer zu marktüblichen Preisen zu buchen. Dafür residieren wir jetzt in einem formidablen Hotel direkt am alten Hafen von Bergen, wo die berühmte Zeile mit den Holzhäusern im Stil der Hansezeit steht. Auch das Frühstücksbüfett am nächsten Morgen kann sich sehen lassen. Dafür kostet gefühlt auch alles doppelt so viel wie bei uns zu Hause. Norwegen ist aufgrund der reichen Erdöl- und ­-gasvorkommen vor seiner Küste in den letzten Jahrzehnten gemessen am durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt geworden. Das merkt man nicht nur an der Hotelrechnung, sondern auch am stolzen Preis unseres wohlverdienten Landebiers, der umgerechnet bei knapp 10€ liegt.

Nichtsdestotrotz hat die Altstadt von Bergen einen unvergleichlichen Charme: Der alte, schmale Hafen ist umrahmt von den bereits erwähnten, berühmten Holzhäusern. Dahinter erheben sich sofort steile Berghänge. Ein bisschen erinnert einen das an Orte an den Schweizer oder norditalienischen Alpenseen. Wie auch schon in Stavanger sind die alten, aus Holz gebauten Handels- und -lagerhäuser heute die Flaniermeile schlechthin. Ein Restaurant reiht sich an das nächste, unzählige Bars buhlen um die zahlreiche Kundschaft. Es herrscht emsiges und vergnügtes Treiben auf der Straße und in den Restaurants.
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Das Panorama des alten Hafens von Bergen mit den Handelshäusern aus der Hansezeit links im Bild.
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Wir haben keinen Tisch reserviert und deswegen Mühe, einen Platz zum Essen zu bekommen. Wir finden nur einen freien Tisch in einer Bar, draußen im Schatten mit Blick auf die Hauptverkehrsstraße. Netterweise leitet uns die freundliche Bedienung sofort zu einem freien Tisch auf der anderen Seite des Gebäudes auf einer sonnigen Terrasse mit Blick über den Hafen. Obwohl es sich eigentlich um eine Bar handelt, können wir etwas zu Essen bestellen, da das Restaurant im Haus dem gleichen Betreiber gehört. So schön kann das Leben sein!

Nach dem wir nun wiederholt von Fluglotsen gefragt wurden, ob wir auf unseren bisherigen Etappen innerhalb Norwegens tatsächlich ohne Flugplan unterwegs seien, beschließen wir beim Abendessen in Bergen zukünftig auch für jeden Inlandsflug innerhalb Norwegens einen Flugplan aufzugeben. Das ist gesetzlich nicht vorgeschrieben, aber fühlt sich in Anbetracht der scheinbar endlosen, unberührten Natur einfach besser an und entspricht dem in Norwegen üblichen Verfahren.

Herberts Video von dieser Etappe findet Ihr auf YouTube unter dem folgenden Link:
Flug entlang des Sognefjords nach Bergen

Viel Spass beim Gucken!

Oliver

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