Spornradeinweisung

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Oliver Seack
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Spornradeinweisung

Beitrag von Oliver Seack » 14.11.2020, 23:28

Hallo zusammen,

vielleicht hat sich ja der eine oder andere von Euch nach abgeschlossener Ausbildung und einiger gesammelter Flugerfahrung gefragt, was man fliegerisch noch machen könnte, außer Platzrunden zu drehen und nach Wangerooge zu fliegen ;)

Wie wäre es eventuell mal mit einer Spornradeinweisung?

Als ich mich ich für die Einweisung auf die Altisurfaces in den französischen Alpen angemeldet hatte, bin ich davon ausgegangen diese Einweisung mit einem UL der örtlichen Flugschule zu fliegen. Dieses war eigentlich eine Savage mit Bushwheels* :) Diesen Typ wollte ich immer schon mal gerne fliegen und auch die Möglichkeit dank der dicken Reifen auf unbefestigten Pisten landen zu können, fand ich sehr reizvoll.

Auf der anderen Seite war ich noch nie vorher Spornrad geflogen. Da ich mir für die Einweisung auf die Altisurfaces nur eine Woche frei genommen hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich ich mich sinnvoll in dieser einen Woche sowohl auf ein anderes Flugzeug mit völlig anderem Rollverhalten am Boden, als auch auf die sehr ungewohnt bodennahen Anflüge in engen Tälern und Landungen auf steilen und kurzen Holperpisten eingewöhnen könnte. Beides zugleich zu machen erschien mir dann doch irgendwann sehr herausfordernd zu sein.

Da wir bei uns in Norddeutschland keine wirklich steilen Pisten haben (solange wir nicht die Deiche hoch landen ;) ), konnte ich mich auf diesen Teil leider nicht schon vorher hier zuhause vorbereiten. Auch Flugzeuge mit Bushwheels habe ich hier bei uns in der Gegend noch nicht gesehen.

Was aber bei uns schon geht ist eine Spornradeinweisung auf einer Savage zu machen! Philip Stanke ist Fluglehrer und betreibt eine wunderschön gebaute Savage (mit normal großen Rädern), mit der er auch Spornradeinweisungen vornimmt.

Ich habe bei ihm in Lauenbrück an drei Tagen in insgesamt 3,25 Flugstunden Rollübungen am Boden und 23 Starts- und Landungen gemacht, um einen ersten Eindruck davon zu bekommen, wie sich so ein Spornrad-UL anfühlt und steuern lässt.

20190908 - Spornradeinweisung.jpg
Fluglehrer und Einweiser Philip Stanke (rechts im Bild)
20190908 - Spornradeinweisung.jpg (1.24 MiB) 2435 mal betrachtet

Das hat mir sehr viel Spass gemacht und meinen fliegerischen Horizont stark erweitert: Es ist schon beeindruckend wieviel intensiver und aktiver man bei einem Spornrad-UL mit den Beinen in den Seiteruderpedalen arbeiten muss, um mit dem über Federn recht weich angekoppelten Spornrad am Boden sauber die Richtung zu halten. Die beim Rollen am Boden eingeschränkte Sicht nach vorn ist am Anfang ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Man rollt immer in leichten S-Kurven, um direkt nach vorne schauen zu können.

Auch beim Start muss man sich umgewöhnen, da man neben dem Richtung halten mit dem Seitenruder, auch definiert mit dem Höhenruder arbeitet: Am Anfang des Startlaufs wird durch Ziehen der Anpressdruck des Spornrads auf den Boden erhöht, damit das Spornrad, speziell bei Seitenwind, guten Bodenkontakt hat. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit, ab der man genügend Seitenruderwirkung hat, lässt man dann das Höhenruder nach und drückt sogar leicht, um das Spornrad vom Boden wegzunehmen, den Anstellwinkel des Flügels und damit den aerodynamischen Widerstand zu verringern und den Startlauf zu beschleunigen, bevor man dann rotiert und abhebt.

Der wichtigste Achtungspunkt beim Spornradfliegen ist allerdings bei der Landung schiebefrei aufzusetzen und dann voll konzentriert weiter die Richtung zu halten, bis das Flugzeug auf Schrittgeschwindigkeit verlangsamt ist. Ansonsten kommt es schnell zu dem bei Spornradflugzeugen gefürchteten "Ringelpietz": Dabei dreht sich das Flugzeug beim Rollen am Boden um die eigene Hochachse in eine immer enger werden Kurve hinein, bis es zum Stillstand kommt. Schlimmstenfalls kippt es dabei am Ende um, so dass ggf. der Flügel beschädigt wird.

Der "Ringelpietz" kann passieren, weil sich bei einem Spornradflugzeug der Gesamtschwerpunkt hinter den Kontaktpunkten der Haupträder mit dem Boden befindet. Dadurch ist das Rollverhalten am Boden instabil. Jede seitliche Bewegung, ob sie nun von außen auf das Flugzeug einwirkt, oder vom Piloten durch Seitenruder-/Spornradbewegungen selber verursacht wird, wird durch die "hintere" Schwerpunktlage beim Spornradfleuzeug unweigerlich verstärkt. Wenn man unaufmerksam ist und nicht rechtzeitig dagegen ansteuert dreht sich das Spornradflugzeug dann um die eigene Hochachse.

Beim heute üblichen Bugradfahrwerk ist es ja genau umgekehrt: Der Gesamtschwerpunkt liegt bei einem Bugradflugzeug vor den Kontaktpunkten der Haupträder mit dem Boden, und daher ist das Rollverhalten am Boden stabil. Sobald die Haupträder den Boden berühren, ziehen die Haupträder einen evt. vorhandenen kleinen Schiebewinkel beim Aufsetzen von ganz alleine gerade. Man muss sich als Pilot bei einem Bugradfahrwerk nach dem Aufsetzen der Haupträder keine besonderen Gedanken um das Einhalten der Richtung machen. Das ist, neben dem einfacheren Bodenhandling, der hauptsächliche Grund, warum sich bei modernen Flugzeugen das Bugradfahrwerk durchgesetzt hat.

Trotzdem gibt es ja eine eingeschworene Gemeinde von Spornradpiloten, die um nichts in der Welt ihr Spornradfahrwek gegen ein Bugradfahrwerk eintauschen möchten. Neben dem nostalgischen Flair, das Spornradflugzeuge immer umweht, selbst wenn es sich um fabrikneue Exemplare handelt, gibt es aber auch noch eine weiteren Grund, warum Piloten gerne Spornrad fliegen. Ein Bekannter, der selber einen französischen Tiefdecker mit Spornrad besitzt, meinte mal: "Wenn man das Spornradfliegen beherrscht, sind andere Flugzeuge (mit Bugradfahrwerk) einfach total langweilig." Das fand ich eine interessante Einstellung.

Vielleicht kann man das am ehesten damit vergleichen, wenn man einmal Fahrrad ohne Stützräder gefahren ist und es beherrscht, dann möchte man nie wieder zu den Stützrädern zurück. Soweit bin ich in meinen knapp über drei Spornradeinweisungsstunden zwar noch nicht gekommen, aber ich verstehe inzwischen was mein Bekannter damit meint.

Es ist eine wunderbare Erfahrung zu spüren, dass man auch das "Eigenleben" eines Spornradflugzeuges zu beherrschen beginnt und das Flugzeug willig das macht, was man als Pilot möchte. Mir hat diese sehr viel urigere Art des Fliegens sehr gut gefallen.

Meine anfänglich starken Bedenken, einen unbeabsichtigten Ringelpietz hinzulegen und dadurch an Philips' Savage Schäden zu verursachen, konnte Philip entschärfen: Er hat bereits mehrere Dreher hinter sich, und immer sei die Savage nur seitlich weggerutscht und nie dabei umgekippt. Das fand ich beruhigend zu wissen.

Aus diesem Grund landet man mit Spornradflugzeugen bevorzugt auf Gras. Dadurch, dass die Reifen auf Gras weniger Grip haben und eher seitlich wegrutschen, werden einem ein leichtes Schieben beim Aufsetzen auf Gras eher verziehen als bei einer Landung auf Asphalt.

Mir hat die Einweisung bei Philip sehr viel Spass gemacht. Er war mir gegenüber immer geduldig und ruhig und die Flugeigenschaften der Savage fand ich sehr angenehm. Eine tolle Erfahrung!

Wer also Lust auf eine neue fliegerische Herausforderung hat und sich mal in das Spornradfliegen einweisen lassen möchte, kann sich gerne an Philip Stanke wenden. Seine Handynummer ist +49 162 741 53 63 und seine Emailadresse lautet: philipstanke(at)web.de.

Philip hat mir gegenüber erwähnt, dass er ggf. für die Spornradeinweisung auch gerne bereit ist mit der Savage nach Rotenburg zu kommen.

Viele Grüße,

Oliver


* Anmerkung:
Die schöne, weiße Savage mit großen Bushwheels der Flugschule in Frankreich hatte leider eine Woche vor meiner Einweisung einen Unfall: Die Maschine ist nach dem Start von einem Altiport aus ca. 10-15 m Höhe über Grund abgekippt und wurde beim Aufprall auf den Boden so stark beschädigt, dass sie abgeschrieben werden musste. Die beiden Insassen haben den Unfall gottseidank mit nur leichten Verletzungen relativ unbeschadet überstanden.

Als Ersatz für die beschädigte Savage hatte der Fluglehrer daraufhin kurzfristig ein anderes STOL-UL, eine G1 gechartert (siehe Bilder im Forums-Beitrag Einweisung auf die Altisurfaces in den französischen Alpen), so dass meine Einweisung auf die Altisurfaces wie geplant stattfinden konnte. "Leider" hat die G1 ein Bugradfahrwerk, so dass ich meine frisch erworbenen Fertigkeiten aus der Spornradeinweisung bei Philip in den französischen Alpen gar nicht anwenden konnte :? .

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