Bericht Frankreich 2020

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Oliver Seack
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Bericht Frankreich 2020

Beitrag von Oliver Seack » 31.07.2020, 01:21

Teil 1

Hallo zusammen,

eigentlich hatten wir geplant dieses Jahr mit drei ULs nach Norwegen zu fliegen, um die wunderschöne und eindrucksvolle Fjord- und Gletscherlandschaft an der Westküste dieses Landes aus der Luft zu erkunden.

Dann kam die Coronakrise und damit einhergehend massive Reisebeschränkungen. Die Norweger waren dabei besonders lange sehr streng: Erst am 15.Juli wurden die Einreisebestimmungen soweit gelockert, dass auch Touristen aus EU-Ländern wieder einreisen durften. Bis dahin hatten wir im April und im Mai in den Vorhersagen auf unseren Computerbildschirmen bereits zwei sehr guten Wetterfenstern beim “Verwelken” zuschauen müssen, ohne losfliegen zu können :-(

Für Dänemark und Norwegen braucht man zudem für ULs jeweils eine Einfluggenehmigung, die man schriftlich beantragen muss. Dabei geht es primär darum für das UL einen Versicherungs- und Wartungsnachweis zu erbingen, sowie eine gültige Lizenz und eine gültiges Medical vorzuweisen.

Norwegen will darüber hinaus sogar noch mindestens den Nachweis eines ICAO English Proficiency Levels 4 haben, explizit auch für UL-Piloten! Auf Nachfrage der der norwegischen Luftfahrtbehörde warum, wurde als Begründung angegeben, weil man in der Vergangenheit schon schlechte Erfahrungen mit ausländischen UL-Piloten im Sprechfunkverkehr gemacht hätte. Die Norweger wollen es echt wissen! Also auch noch diese Prüfung im April abgelegt!

Die dänische Einfluggenehmigung lag uns bereits im Juni vor und die norwegische haben wir sofort am 15. Juli beantragt, nachdem die norwegische Regierung die Lockerungen bekannt gegeben hatte.
Auch die norwegische Genehmigung hielten wir innerhalb von drei Tage glücklich in den Händen. Somit hatten wir alle formalen Voraussetzungen erfüllt und es hätte nach der langen Wartezeit nun endlich losgehen können :-)

Leider spielte jetzt im letzten gemeinsam möglichen Zeitfenster für diese Tour das Wetter in Skandinavien nicht mit: Starkwind (5-6 Bft) in Dänemark während der Anreise und immer wieder Regen in SW-Norwegen und während des Rückflugs. Das klang so gar nicht nach einer entspannten Woche Fliegerurlaub :-(

Wir hatten uns vorher überlegt, wenn das Wetter in Richtung Norden schlecht sein würde, dass wir dann stattdessen in Richtung Süden in die Alpen fliegen wollten. Aber auch dort sah man in den Vorhersagen für die in Frage kommende Woche leider nur Regen und Gewitter. :-(

Gutes Wetter sollte es dagegen fast die gesamte Woche in NW-Frankreich geben! Ein schmales Azorenhoch streckte seine Fühler vorsichtig über den Ärmelkanal aus (ohne allerdings Skandinavien zu erreichen). Frankreich gegen den Uhrzeigersinn zu umrunden: Normandie, Bretagne, Dordogne nördliches Zentralmassiv und zurück über das Rhonetal schien laut Vorhersage eine mögliche Route in schönem Wetter zu sein.

Erst gegen Ende der Woche sollte von Westen eine Front hereinkommen und Regen bringen. Hier hieß es also wachsam zu sein, um nicht irgendwo fernab des Heimatplatzes festzusitzen und nicht zurück nach Hause zu kommen.

Also haben wir kurzfristig umentschieden lieber das gute Wetter zu nutzen, anstatt auf den ursprünglich vorbereiteten Zielen zu beharren und diese Enscheidung hat sich gelohnt: Uns waren fünf Tage fliegen unter blauen Himmel bei schwachen Winden und Schäfchenwolken bei 20-28°C Bodentemperatur vergönnt :-) Wir sind über tolle Landschaften zu interessanten Orten geflogen und haben dabei jede Menge nette und hilfsbreite Menschen getroffen.
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Unsere Flugroute im Überblick. Wir sind gegen den Uhrzeigersinn geflogen, um möglihcst viel gutes Wetter auf der Strcke zu haben.
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Wie das häufiger so ist, aus den vier geplanten Teilnehmern für diese ursprünglich nach Norwegen geplante Tour, waren am Ende aus den verschiedensten Gründen dann tatsächlich nur noch zwei am Start als es wirklich losging:

1. Tag: Di, 21.7.2020:

Anreise von Rotenburg/Wümme EDXQ über Koblenz EDRK (Mittagessen und Tankstop) weiter über das Moseltal, durch Luxembourg nach Abbeville LFOI (Tankstop).

Der Funk mit dem französischen FIS erfolgt ohne Probleme auf Englisch und wir werden in regelmäßigen Abständen von Frequenz zu Frequenz weitergereicht. Durchflüge durch TMAs um die CTRs der größeren Flughäfen herum, werden von den gleichen Kollegen auf der gleichen Frequenz gemanagt, so dass wir ohne großes Umschalten oder Höhen- bzw. Kurswechsel unseren Flug über die schöne Sommerlandschaft fortsetzen. Der letzte Lotse erinnert uns sogar noch daran, dass wir nach der Landung nicht vergessen unseren Flugplan für den Grenzübertritt zu löschen.

Sehr freundlich! Denn anders als bei uns, kann man in Frankreich einen Flugplan nicht schon während Fluges über Funk von FIS schließen lassen und es ist auch absolut unüblich, dass das der Flugleiter am Platz für einen erledigt. In Frankreich erfolgt die Schließung des eigenen Flugplans auschliesslich nach der Landung durch den Piloten selbst. Man muss also die Telefonnummer parat haben, sonst erntet man ungehaltene Anrufe der Flugsicherung auf dem eigenen Handy oder dem Flugplatz, an dem man gelandet ist. Die Dame am Telefon der Flugsicherung erwartet unseren Anruf bereits ungeduldig, den wir erst erledigen, nachdem wir getankt haben. Das Schließen des Flugplans hätten wir dann wohl doch besser vor dem Tanken erledigt.

Von Abbeville aus geht es entlang der französischen Kanalküste und den Felsentoren von Etretat zum weltbreühmten Klosterberg Mont Saint Michel am westlichen Rand der Normandie.
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Der Klosterberg Mont Saint Michel vor der Küste der Normandie beim Anflug von Norden aus gesehen.
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Nach insgesamt 6:13 Flugzeit und 1185 km Flugstrecke (lt. GPS-Tracks) an diesem Tag stehen wir abends um 19:30 glücklich und erschöpft auf dem UL-Gelände “Mont Saint Michel LF3553” von Cedrix Sauvage. Dieser betreibt neben seinem Bauernhof auch eine 300 m lange UL-Piste, die nur 5km Luftlinie vom Mont Saint Michel entfernt liegt.
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Gerd rollt vor der Kulisse des Mont Saint Michel mit seiner Sting S40 zum Abstellplatz.
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Cedrix spricht kaum Englisch, wir kaum Französisch, aber mit der Unterstützung von Händen und Füssen erfährt er von uns, dass wir ein Taxis benötigen und freundlicherweise telefoniert er 20 Minuten(!) lang für uns herum, bis er ein Taxi gefunden hat. Super nett!

Parallel dazu gelingt es Gerd auch noch zwei Zimmer für die Nacht aufzutreiben und zwar direkt auf dem Klosterberg! Hammer! Normalerweise ist es in der Hauptsaison praktisch unmöglich kurzfristig dort Zimmer zu bekommen. Dann drängen sich bis zu 15.000 Besucher pro Tag in der engen, nur ca. 300 m langen Gasse am Fuß des Klosterbergs. Aber in diesem Fall hilft uns die Coronakrise wohl und im dritten Hotel, das Gerd anruft, sind noch zwei Zimmer frei :-)

Während wir auf das Taxi warten, landet ein Gyrokopter auf Cedrix' Piste. Von der relativ späten Tageszeit mal abgesehen, an und für sich nichts ungewöhnliches. Aber der Pilot trägt einen Trockenanzug, Schwimmweste und hat am Unterschenkel eine Tasche befestigt in der sich eine Pistole befindet!?! Hoppla, was geht denn hier ab?
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Der fliegende Cowboy mit seinem Gyrokopter bei einer Pause auf dem UL-Gelände Mont Saint Michel LF3553.
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Der gute Mann spricht Englisch und erklärt uns, dass sein Job darin besteht im Tiefflug über das Wattenmeer vor der Küste zu fliegen, um die rastenden Zugvögel, insbesondere Enten, von den Muschelbänken zu verjagen. Bei Hochwasser öffen sich die Muscheln und werden dann zur leichten Beute für die vom langen Flug ausgehungerten Enten. Denen schmecken wohl vor allem jungen Muscheln gut, was wiederum die Muschelzüchter überhaupt nicht witzig finden. Deswegen heuern sie ihn und seine Gyrokopter an, um die Verluste in den Muschelbänken zu verringern.

Er zeigt uns auf seinem Navigations-Tablet den Track seines gerade beendeten Einsatzes. Es sieht aus als hätte ein betrunkener Schimpanse eine halbe Stunde lang versucht die Häkelschlaufen eines Topflappens auf einen Bierdeckel nachzumalen. Alles in 30 bis 50ft Höhe, wie er uns versichert :-o

Wenn die Enten sich vom Gyrokopter nicht mehr beeindrucken lassen, wird sprichwörtlich die zweite Stufe “gezündet”: Mit der Pistole verschiesst er dann während des Fluges aus seinem offen Cockpit Schreckschussmunition, um die träge gewordenen Enten zum Weiterflug zu bewegen. Der fliegende Cowboy, oder besser gesagt “Duckboy”, lässt es sich nicht nehmen uns seine Schreckschusspistole live vorzuführen und feuert einen ohrenbetäubend lauten Schuss in die ansonsten friedliche Abendstimmung, bevor er zu seiner letzten Runde über das Watt für heute startet. Total verrückt, womit man so sein Geld verdienen kann!

Das Taxi bringt uns mit unserem Gepäck zur Haltestelle der Shuttlebusse, die die Touristen über eine drei km lange Brücke vom Besucherznetrum bis 500 m vor das Eingangstor des Mont Saint Michels bringen.

Dort können wir den einmaligen Anblick des Klosters gar nicht richtig genießen, denn wir sind hungrig und haben Durst und in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit hat uns der Taxifahrer geraten unverzüglich ein Restaurant aufzusuchen, um noch etwas zu Essen zu bekommen. Um 21:30 sitzen wir dann endlich am Tisch des Hotelrestaurants und man erlaubt uns als Gäste des Hotels ausnahmsweise noch Pizza zu bestellen. Alles andere von der Karte gibt es bereits nicht mehr. Um uns herum werden schon die Stühle hochgestellt und als wir satt und zufrieden das Restaurant verlassen, wird hinter uns das Restaurant abgeschlossen.

Wir hatten erwartet, dass an diesem touristischen Brennpunkt das Nachtleben pulsiert, aber das über allem thronende Kloster von St. Michel hat offenbar einen sehr besänftigenen Einfluss auf das Leben drum herum ;-)

Der Vorteil unserer späten Ankunft und der frühen Sperrstunde: Wir haben den Mont Saint Michel quasi fast für uns allein und geniessen noch die Abenddämmerung von einer Bastion in der Befestigungsmauer aus.
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Während der "goldenen Stunde" kurz vor Sonnenaufgang gibt es fantastisches Licht für schöne Aufnahmen.
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Am nächten Morgen wachen wir trotz des anstrengenden Vortags kurz vor Sonnenaufgang auf und können so die “Goldene Stunde” (von Fotografen so genannt wg. des warmen, weichen Lichts kurz vor Sonnenaufgang) auf dem immer noch menschenleeren Klosterberg geniessen und ein paar sehr schöne Fotos von diesem Architekturwunder machen.
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Der Mont Saint Michel kurz vor Sonnenaufgang.
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Die einzige Gasse auf dem Mont Saint Michel. Hier drängen sich tagsüber in der Hauptsaison 15.000 Menschen. Wir erleben den Berg am frühen Morgen noch menschenleer.
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2. Tag Mittwoch, 22.07.2020

Nachdem anstrengenden Auftakt gestern wollen wir es heute etwas ruhiger angehen lassen und planen nur einen relativ kurzen Flug entlang der Nordküste der Bretagne vom Mont Saint Michel auf die Insel Ouessant.

Hier an der Küste entlang zu fliegen bietet sich aus zwei Gründen an: Zum einen ist das viel interessanter und abwechslungsreicher zum Gucken als eine Flug über Land, und zum zweiten gibt es um Brest herum die maximal mögliche Packungsdichte an kontrollierten Lufträumen und militärischen Sperrgebieten, die man sich vorstellen kann. Da fällt einem die Wahl der Flugroute nicht schwer ;-)

Also unternehmen wir nach dem Frühstück noch einen Morgenspaziergang über den sich langsam füllenden Klosterberg, fahren mit dem Shuttlebus zurück aufs Festland, wo wir um 11:00 mit dem Taxifahrer verabredet sind. Mit ihm fahren wir zurück zu unseren Flugzeugen, um dort unser Gepäck aus- und unsere Benzinkanister einzuladen und fahren anschließend mit dem Taxi zu einer Tankstelle, um unsere Kanister zu füllen und dann die ULs aufzutanken.
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Gerd bei der Betankung aus Kanistern vor dem Abflug von der UL-Piste von Cedrix Sauvage am Mont Saint Michel.
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Also Schwimmwesten an und auf nach Quessant! Nach dem Start drehen wir außerhalb des Sperrgebiets um den Mont Saint Michel noch eine Abschiedsrunde um diesen bemerkenswerten Ort im Meer und rauschen dann die Küste entlang. Herrliche weiße Sandstrände wechseln sich mit dunklen schroffen Felsen ab und das Wasser glitzert verführisch türkisfarben zu uns herauf. Zu dem durchaus karibisch anmutenden optischen Eindruck passen nur die Wassertemperaturen nicht ganz: 16°C sind doch sehr erfrischend...
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Der Mont Saint Michel beim Abflug von osten aus gesehen.
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Nach 1h 45 min allerschönsten Landschaftskinos landen wir bei für diese Insel schwachen Windverhältnissen von 15-20 km/h auf der 800 m langen Asphaltpiste des Flugplatzes von Ouessant.

Wie wir das auch des öfteren von unseren ostfriesichen Inseln kennen, ist auf dem nur zwei Tennisplätze großen Vorfeld von Ouessant der Bär los: 3 ULs kommen kurz nacheinader an (außer uns noch ein weiteres UL aus Deutschland), drei Maschinen stehen mit laufenden Motoren an den Parkpositionen und warten darauf, dass der einzige Taxiway zur Piste wieder frei wird.

Da alle Parkpositionen rund um das kleine Vorfeld belegt sind, ist nur sehr wenig Platz zum Rangieren vorhanden. Die Situation auf dem Vorfeld gleicht diesen Schiebespielen, bei denen man kleine, quadratische Spielsteine in eine Rahmen hin- und herschieben muss, um sie wieder in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen. Dabei ist nur ein einziges Feld frei, so dass jede erwünschte Bewegung eines bestimmten Spielstein immer eine Unzahl Bewegungen aller anderen Spielsteine erfordert, damit am Ende alles am richtigen Ort landet.

Hier wollen drei ULs auf einen Parkplatz, die drei Echo-Klasse-Maschinen wollen starten, belegen aber noch die Parkplätze, die die Uls nutzen wollen und die Ausfahrt zum Taxiway ist von den drei ULs verstopft. Ein wunderbarer gordischer Knoten, der sich leider nicht von selbst auflöst.

Weil er im Funk nicht mehr weiterkommt, verlässt der Flugleiter seinen Turm und läuft energisch dirigierend zwischen den Flugzeugen hin und her, bis er eine Lücke zum Taxiway für das erste abfliegende Flugzeug freigeschaufelt hat.

Die erste Echo-Klasse-Maschine rollt zur Runway, worauf das erste UL einen Parkplatz findet und dann löst sich das kleine Chaos auf dem Vorfeld auf wundersame Weise in wenigen Sekunden von selbst auf. Vive la France!
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Das enge Vorfeld auf der Insel Ouessant, nachdem alle einen Platz zum parken für die Nacht gefunden haben. Im Hintergrund bereitet die Flugplatz-Feuerwehr die Kontrollfahrt der Piste vor, bevor der Linienflug aus Brest gleich landen wird.
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Dann wird auch klar, warum der Flugleiter so einen Druck hatte: In wenigen Minuten wird der Linienflug der Fluggesellschaft Finist'Air aus Brest erwartet. Zweimal täglich fliegt eine Cessna Caravan auf die Insel. Die braucht den gesamten Platz in der Mitte des kleinen Vorfelds zum Wenden und Parken.

Teil 2 folgt gleich

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Oliver Seack
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Bericht Frankreich 2020 - Teil 2

Beitrag von Oliver Seack » 31.07.2020, 01:49

Teil 2
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Der Linienflug aus Brest ist auf der Insel Ouessant eingetroffen. Eine Cessna Caravan der Fluglinie Finist'Air, dei den größten Teil des kleinen Vorfelds zum Wenden benötigt.
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Nachdem das Fauchen der Turbine verklungen ist und sich die Tür der Caravan öffnet, sind wir doch etwas enttäuscht: Statt des erhofften Großstadtflairs einer Gruppe illustrer Fluggäste, die zum Inselurlaub einfliegen, wird nur Luftfracht in schnöden, braunen Pappkartons entladen. Es ist kein einziger Passagier an Bord.

Kurz darauf sind unsere Flugzeuge an der richtigen Stelle für die Nacht geparkt, verzurrt und entladen. Und schon steht uns die nächste Herausforderung bevor: Wir müssen noch eine Unterkunft für uns selber finden. Auf einer kleinen Insel mitten in der Hochsaison immer ein gewagtes Glücksspiel. Der Pilot des anderen deutschen ULs kommt mit der Hionsbotschaft vom Turm zurück, dass alle Unterkünfte auf der Insel ausgebucht seien. Er würde jetzt sein mitgebrachtes Zelt aus dem UL holen, um damit auf dem Campingplatz des Insel zu übernachten. Die kleine Rolle, mit der er kurz daruf unter den Arm geklemmt zurück kommt, sieht leider nicht nach einem stattlichen Drei-Mann-Zelt aus...

Unsere Hochstimmung über den bisherigen Verlauf der Tour erfährt schlagartig einen ersten herben Dämpfer: Müssen wir am Ende wieder zurück aufs Festland fliegen, weil wir keine Unterkunft mehr bekommen? Vielleicht wäre ein bisschen mehr Vorbereitung dieses Tages doch nicht so schlecht gewesen?

Gerd lässt sich allen gegenteiligen Informationen zum Trotz nicht beirren, zückt sein Smartphone und fängt unverdrossen an zu telefonieren. Bei der dritten Untekunft haben wir Glück: Es wurden kurz zuvor zwei Zimmer storniert, die sind jetzt unsere :-) Voilá!

Die freundliche Taxifahrerin gibt uns noch zwei Tips, wo man gut Fisch und Meeresfrüchte essen kann (wo, wenn nicht hier auf dieser kleinen Insel “mitten im Atlantik”?) Im ersten Restaurant, mitten im Inselort nahe unser Unterkunft, sind leider alle Tische seit Tagen vorreserviert. Wir hatten es bereits geahnt.

Am Ende stellt sich das jedoch für uns als Glücksfall heraus: Kann sein, dass das Essen im zweiten Restaurant vielleicht nicht ganz so vorzüglich ist, wie im ersten, auch ist das zweite Restaurant ebenfalls komplett belegt :-( Aber nach kurzer Rücksprache der Chefkellnerin mit dem Küchenpersonal wird für uns noch der Katzentisch hinter der Wendeltreppe eingedeckt. Der hat zwar eine eingeschränkte Zugängichkeit und ist deswegen unbequem für das Servicepersonal, das sich immer zwischen Treppe und Wand durchquestschen muss, um zu unserem Tisch zu gelangen.

Aber wie wir feststellen hat dieser Tisch mit Abstand die beste Aussicht über die gesamte im Sonnenlicht glitzernde Hafenbucht von Ouessant über der das Hotel “Duchess Anne” auf einem Felsen thront.
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Paradiesisches Aussicht über die Bucht am Hafen von Ouessant.
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Unsere Glückssträhne hält offenbar an, die Meersfrüchte und das Bier schmecken vorzüglich und uns geht es wieder rundherum gut. Wir stoßen auf den Architekten an, der aus unerfindlichen Gründen das großartige Panaromafenster dieses Restaurant mit einer Wendeltrpee verbaut hat :-)

Um den Sonnenuntergang zu bewundern und uns die Beine zu vertreten laufen wir vom Hafen quer über den Nordwestarm der Insel in Richtung Leuchtturm. Hier fällt uns die typisch bretonische Bauweise der Häuser an der Küste auf, die komplett an das häufig stürmische Wetter angepasst ist: Ausrichtung des Dachfirsts parallel zur Hauptwindrichtung, fensterlose Giebel, keinerlei Dachüberstande, unter die der Wind fassen könnte und Blumenschnuck nur geschützt hinter hohen Gartenmauern aus Stein. Blumenkästen vor dem Fenster habe wir auf dieser Insel keinen einzigen gesehen. Die würden wohl allesamt im ersten Sturm davon fliegen.
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Ein typisches, bretonisches Haus, perfekt an das häufig stürmische Wetter angepasst: Massive, fensterlose Giebe, keinerlei Dachüberstände, keine Blumen in Kästen vor den Fenstern, sondern nur hinter hohen Mauern vor dem Wind geschützt.
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Auf dem Weg zum Leuchtturm kommen wir auch an einem Schildermast vorbei, an dem lauter Wegweiser befestigt sind, an denen man die Entferung zu allen größeren Hafenstädten der Erde ablesen kann. Der Wegweise für Hamburg gibt 1205 km Luftlinie an. Wir sind am westlichsten Punkt unserer Tour angekommen!
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Der Schildermast auf dem Weg zum Leuchtturm von Ouessant. Entfernung nach Hamburg: 1205 km Luftlinie!
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Der Sonnenuntergang füllt den Abendhimmel mit spektakulärem Rot und kündet so bereits vom heranziehenden schlechten Wetter.
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Spektakuärer Sonnenuntergang aus Ouessant. Das intensive Abendrot kündet von viel Feuchtigkeit inder Luft ud gilt als Schlechtwetterbote, wie es sich auch am nächsten Morgen bewahrheiten sollte.
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3. Tag, Donnerstag, der 23.07.2020

Als wir am nächsten Morgen erwachen, werden wir von einem grauen Himmel überrascht und es nieselt ab und zu. Die herannahende Front ist offenbar etwas schneller unterwegs, als wir das aus der Wettervorhersage herausgelesen haben. Noch nieselt es nur leicht und immer nur für eine Viertelstunde. Aber stärkere Regenschauer sind im Anmarsch und hier im Regen auf der Insel festsitzen wollen wir auf gar keinen Fall!

So beschleunigen wir unser Morgenprogramm ein wenig und legen das Ziel für diesen Tag fest. Um im guten Hochdruckwetter zu bleiben und genügen Abstand zur Front zu bekommen, um nicht morgen früh schon wieder von ihr eingeholt worden zu sein, müssen wir einen großen Sprung Richtung Süden oder Südosten machen. Den geplante Zwischenstop auf der Belle Ile (dt.: “schöne Insel”) streichen wir deshalb schweren Herzens vom Programm. Aber bis ans Mittelmeer fliegen geht auch nicht, denn da ist das Wetter ebenfalls nicht gut. Es regnet und gewittert dort die ganze Woche.

Also irgendetwas dazwischen. Gerd hat mal etwas von vollständig erhaltenen Dörfern aus dem Mittelalter gehört, die am Fluss Dordogne liegen sollen. Wo genau weiß er aber auch nicht. Ich werde hellhörig. In unserem Navigationsprogramm Skydemon ist der Plichtmeldepunkt ECHO des Flughafens von Brive Souillac LFSL zusätzlich mit dem Namen “Medivial village” (dt.: “Mitteraltliches Dorf”) versehen. Zur Dordogne ist es ebenfalls nicht weit. Das Dorf heisst Martel und liegt in Taxientfernung zum Flughafen. Bingo! Unser Tagesziel steht fest :-)

Vom Flug von Ouessant nach Brive gibt es außer dem Zwischenstop in La Rochelle zum Tanken nicht sehr viel zu berichten. Die Atlantiküste zwischen Lorient und Bordeaux wirkt an diesem grauen Tag aus der Luft betrachtet deutlich weniger aufregend als die wilde Küste der Bretagne im strahlenden Sonnenschein.

Ach ja, eine Sache ist doch noch erwähnenswert: Wenn ich Gerd Glauben schenken darf, sieht die Belle Ile mit ihrer dunken steilen Felsenküste und den grün bewachsenen sanften Hügeln aus der Luft wirklich wunderschön aus. Er hat es sich nehmen lassen auf dem Flug nach La Rochelle einen kleinen Schlenker über das Eiland zu machen und ist ganz angetan. Da wissen wir jetzt, wo wir beim nächsten Mal landen werden, wenn wir mal wieder in der Gegend sind.

Ab La Rochelle sind wir dann auch wieder in schönem, sonnigen Wetter unterwegs. In Brive angekommen rollt die Taxifahrerin ungläubig und etwas genervt mit den Augen, als sie hört, das wir noch keine Unterkunft haben. Mon Dieu, diese beiden Deutschen haben vieleicht Nerven!

Gerd und ich grinsen uns eins und verlassen uns darauf, dass uns das bisheige Glück bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf weiterhin gewogen bleibt. Die Taxifahrerin hat auch bereits eine Idee, wo sie es versuchen könnte und tatatataaaaa! beim ersten Versuch klappt es: Zwei Zimmer in einer Auberge (Landgasthof) und ein Tisch im dazugehörigen Restaurant. Geht doch! :-)

Als wir die Taxifahrerin daraufhin zur schönsten und cleversten Frau der ganzen Stadt erklären, ist das Eis gebrochen und wir haben eine sehr unterhaltsame Fahrt bis Martel.

Eine halbe Stunde später sitzen wir im Gartenrestaurant unserer Unterkunft, geniessen bei angenehmen 25°C Lufttemperatur das Drei-Gänge-Menü und bewundern die Palmen, die hier in Kübeln wachsen. Das ist schon ein anderer Schnack als die sonnige Frische mit höchstens 18°C auf Frankreichs nordwestlichster Insel Ouessant. Man merkt, dass wir 400 km weiter südlich und im Landesinneren sind. Unsere Jacken verschwinden in den Reisetaschen und dafür kommen jetzt dei kurzen Hosen zu Vorschein.

Das Dorf Martel beeindruckt durch seinen vollständig erhaltenen gebliebenen Kern aus dem Mittelalter und dem 16.-17. Jahrhundert. Man hat das Gefühl, man muss nur die Autos aus den egen Gassen schieben, ein paar Schilder und Stromkabel abschrauben und schon hätte man die perfekte Filmkulisse für einen Ritterfilm. Und von solchen Dörfern soll es in der Gegend zahlose geben. Ich glaube hier an der Dordogne waren wir nicht zum letzen Mal.
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Ein Gasse in Martel am frühen Morgen.
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Überall in den Gassen stehen die Tische und Stühle der Restarants. Auch jetzt um 22:30 wird noch überall gegessen, getrunken, geredet und gelacht und zwischen den Tischen hüpfen spielnde Kinder umher. Spätestens jetzt stellt sich unweigerlich ein Urlaubsgefühl ein.
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Ein mittelalterlicher Erker. Die Balken gebeugt unter der Last der Jahre.
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Die Blumenpracht der überdachten Markthalle will gepflegt werden, was aber niemanden von einem kurzen Schwätzchen abhält.
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4. Tag, Freitag, der 24.07.2020

Unsere Taktik der Front möglichst weit voraus zu eilen und von Ouessant aus ein gutes Stück in Richtung Südosten zu fliegen macht sich bezahlt: Am Morgen lacht uns die Sonne aus einem wolkenfreien, blauen Himmel entgegen :-)

Die Streckenplanung für die beiden letzten Tage ist von zwei Dingen bestimmt: Zum einen haben wir keine zündenden Ideen mehr für weitere fliegerische und touristische Highlights (ein Rückflug durch die Schweizer Alpen ist wegen des unverändert schlechten Wetters dort noch immer Tabu).

Zum anderen haben wir immer ein Auge auf die weiter nach Osten vorrückende Regenfront, die uns den Weg nach Hause abschneiden könnte. Aus der Vorhersage entnehmen wir, dass das Rhonetal weiterhin regenfrei bleiben wird und uns somit auf jeden Fall der Rückweg nach Süddeutschland offensteht.

Aber wir sollten am Samstag nicht zu spät am Nachmittag wieder in Rotenburg landen, um nicht in starke Regenfälle zu geraten. Wir legen 16:00 LT als Landezeit in Rotenburg fest, um genügend Luft zum einsetzen des Regens zu haben und planen von jetzt an rückwärts.

Das Ergebnis: Damit am Samstag die Flugstrecke nicht allzu lang wird und wir nicht schon direkt nach Sonnenaufgang losfliegen müssen, sollten wir uns heute ein Ziel in Ostfrankreich in der Nähe der deutschen Grenze suchen. Das Elsass, die Bourgogne, oder gar schon Bremgarten oder Freiburg auf der deutschen Seite der Grenze kämen als mögliche Ziele in Betracht. Gerd fällt ein, dass er vor ein paar Jahren mal zufällig ein kleines Chateau entdeckt hat, dass nur 200 m von einem kleinen Vereinsflugplatz entfernt liegt und in dem die Besitzerin ein kleines Hotel betreibt.

Es hätte zwar einen etwas morbiden Charme, aber Swimmingpool im Garten und die Hausherrin würde den Joghurt zum Frühstück durch eine Angestellte auf einem Silbertablett servieren lassen (“Wünschen Sie heute Pfirsich oder Aprikose, der Herr?”). Beim Joghurt soll es sich dabei ironischerweise um ganz normalen Danone-Joghurt aus dem Supermarkt im Plastikbecher(!) handeln.

Während Gerd laut von langhaarigen Schönheiten am Swimmingpool des Chateaus träumt und ich von Plastikbechern auf Silbertabletts, flitzen wir das Tal der Dordogne und die nördlichen Hänge des Zentralmassivs entlang zu unserem heutigen Tankstop in Montceau-les-Mines LFGM.

Auf der Flugstrecke von Deutschland nach Südfrankreich durch das Rhonetal liegen ungefähr auf der Hälfte der Strecke gleich drei Flugplätze an denen man UL91 tanken kann. Von Ost nach West sind dies: Bourg-en-Bresse, Macon und Montceau-les-Mines. Wer auf dem kürzesten Weg fliegen und nur tanken will, ist mit Bourg-en-Bresse gut bedient. Allerdings gilt es vorher anzurufen, dass man kommen will, damit auch jemand am Platz ist, der einem die Tanstelle öffnet und um sicher zu stellen, das auch wirklich Sprit da ist. Ist auch schon vorgekommen, dass es in Bourg gerade keinen Sprit gab.

Das gleiche gilt für Macon, wobei hier noch eine Mittagspause dazu kommt, die der Flugleiter auch mal gern ausdehnt, so dass man schon mal geduldig bis 45 min nach Ende der Mitagspause warten muss, bevor wieder jemand auftaucht, der sich für die Tankstelle zuständig fühlt. Wenn man auf Durchreise ist kann das sehr nervig sein.
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Mein Lieblingtankstop im Rhone-Tal: Montceau-les-Mines LFGM. Es gibt UL91 für den Rotax und Quiche und Eis für die Besatzung :-)
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Deswegen ist mein Favorit unter den drei genannten Plätzen eindeutig Montceau-les-Mines LFGM. Ohne Pause ganztägig geöffnet, UL91 bislang immer vorrätig und es gibt ein Bistro in der es eine Kleinigkeit zu Essen gibt, wenn man nicht zu spät am Tag ankommt. Bei unserem Stop jetzt war es zwei Sorten Quiche, die man bestellen konnte. Die fürs Tanken und die Küche zuständige Dame des Hauses versteht es eine familäre Atmosphäre zu schaffen, so dass man am nachmittag entspannt unter dem schattigen Vordach sitzen, seine Pause geniessen und den einheimischen Piloten beim Palavern lauschen kann. Immer wieder nett!
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Achtung: Kampfjet auf Kollisionskurs! Diese am Boden harmlose (Park-)Situation, möchte man so in der Luft lieber nicht erleben. Ein Stillleben in Montceau-les-Mines.
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Von LFGM ist es nur ein kurzer Sprung nach Nuits Saint George LFGZ. 200 m Fussweg von diesem Platz entfernt liegt das Chateau Bercherer (das mit dem Swimmingpool und den Danone-Joghurtbechern auf dem Silbertablett ;-) Die Hausherrin Madame Bercherer erwartet uns bereits vor der Eingangstür. Und ist leider “complete!” (ausgebucht). Nicht mal eine Abstellkammer oder einen Kellerraum kann (oder will) sie uns anbieten. Sollte unsere Glücksträhne hier zu Ende sein?

Auf dem Rückweg zum Flugplatz überlegen wir nach Colmar weiterzufliegen. Eine wunderschöne Altstadt und die Nähe zu Deutschland sprechen dafür. Es bedeutet aber auch, dass wir nochmal eine Stunde fliegen, ein Taxi und eine Unterkunft organisieren müssen. Dafür braucht es nochmal jede Menge Glück und auch wenn alles super klappen würde, würde es mal wieder ein sehr langer Tag werden. So richtig überzeugt sind wir von dieser Idee nicht.

Zurück am Flugplatz erfährt ein knapp 60 Jahre alter Flugschüler, der gerade seine erste Flugstunde absolviert hat, von unserem Problem. Flugs hat er zwei Zimmer im nahen Ibis Budget für uns reserviert, organisiert für eine Stunde später auch noch einen Tisch in einem Restaurant direkt am Marktplatz und fährt uns auch noch ins Hotel! Diese Hilfsbereitschaft rührt uns sehr!

Wir verleben den Abend entspannt auf dem Marktplatz von Nuits Saint Georges bei userem letzten französischen Menü auf dieser Tour und lauschen der Musik der Liveband im Restaurant nebenan.

So könnte es gerne noch ein bisschen weitergehen! Aber ich muss die ausgeliehene Skylane leider am Samstag wieder in Rotenburg abgeben...

5.Tag, Samstag der 25.07.2020

Unser Rückflugtag. Es ist Wochenende und hier im Süden gutes Flugwetter. Als Folge davon ist die FIS-Frequenz direkt nach dem Einflug zurück nach Deutschland südlich von Mannheim völlig überlastet. Vor lauter Erstanrufen, in der Regel erfolgen davon drei zeitgleich(!), kommt die sichtlich entnervte Lotsin überhaupt mehr nicht dazu Verkehrsinformationen zu geben. Von daher ist der Versuch sich auch noch anmelden zu wollen völlig sinnlos. Man kommt lange nicht nicht durch, und wenn doch, dann hat die gute Frau nicht genug Kapazitäten, um die Verkehrslage sinnvoll zu verfolgen und die erhofften Verkehrshinweise zu geben. Also selber Augen auf und rausschauen. Ich bleibe aber auf Standby, habe natürlich denTransponder an und höre mir das Spektakel in Ruhe im Funk an.

Die Rheinebene ist schnell überquert und damit auch die nächste FIS-Frequenz erreicht. Dort geht es bei normaler Auslastung ganz gesittet zu. Die Mittelgebirge sind offenbar bei Privat- und Sportpiloten nicht so beliebt wie das Rheintal. Das merke ich mir für zukünftige Flüge.

Vom netten Zwischenstop in Michelstadt (Superbenzin und Restaurant am Platz) gibt es nicht viel zu berichten. Außer dass es bei etwas stärkerem S- und SW-Wind im Anflug auf die Piste 26 von Michelstadt kurz vor dem Aufsetzen einen starken ausgeprägten Leewirbel gibt, der durch die südlich der Anfluglinie gelegene und bis nah an Piste reichende Waldkante verursacht wird. Die Hinweise im Anflugblatt, auf der Homepage des Flugplatzes und nochmal im Funk durch die nette Flugleiterin sind genauso ernst zu nehmen, wei das orange Blinklicht auf dem Turm, dass bei diesen Bedingungen un Anwesenheit eine Flugleiters eingeschaltet wird.

Die Lösung ist ganz einfach: Um den Wirbel zu vermeiden, macht man auf der 604 m langen Piste einfach eine lange Landung und setzt frühestens auf Höhe des Turms auf. Der steht ungefähr bei einem Drittel der Pistenlänge. Mit einem UL kann man mit etwas Übung auch noch bei der Hälfte der Bahn aufsetzen. Dadurch überfliegt man den Leewirbel und bleibt von dessen heftigen Auswirkungen verschont.

Bei unserem letzten Ausflug nach Michelstadt, wo es mäßig starken SW-Wind gab, hatte einer unserer Mitflieger den Hinweis im Anflugblatt übersehen und eine normale Landung direkt am Anfang der Piste versucht. Er ist dreimal durchgestartet, weil sein UL immer kurz vor dem Aufsetzen um die Längsachse stark nach rechts gedreht wurde. Erst beim vierten Anflug hat dann alles gepasst. Durch eine lange Landung kommt man zwar auch durch die turbulent verwirbelte Luft im Lee des Waldes, aber der starke Rotor in Bodennähe bleibt einem dadurch erspart.

Auch heute ist mäßig starker SW-Wind angesagt. Wir sind auf der Hut, landen beide lang und werden von ein paar normalen “Wacklern” im Endteil mal abgesehen, vom Rotor verschont und landen problemlos.

Beim Mittagessen gilt unser Blick dem Regenradar und es wird klar, dass etwas später dran sind als geplant und wir nicht mehr lange trödeln dürfen, wenn wir “trockenen Flügels” nach Rotenburg kommen wollen. Wir geben mehr Gas und fliegen mit 20 km/h mehr als üblich in Richtung Heimatplatz. Nördlich des Sauerlands kann man weit entfern im Westen bereits die Regenfront stehen sehen. Je weiter wir nach Norden fliegen, um so näher rückt sie an unsere Flugroute heran.

Als ich über dem Weserbergland bin, höre ich auf der FIS-Frequenz, wie ein anderer Pilot den Status der miltärischen CTRs von Bückeburg und Wunstorf abfragt. Es ist Wochenende und der FIS-Lotse bestätigt, das beide CTRs nicht aktiv sind.

Aha?! Und wofür soll das jetzt gut sein? Nun die Antwort liefert der andere Pilot gleich hinterher: Er kündigt an in 2000 ft Höhe über das Steinhuder Meer fliegen zu wollen. Ach, das wollte ich auch immer schon mal machen und das geht? Heute? Schnell nochmal die Karte überprüft und tatsächlich, wenn die CTR Wunstorf (der westliche Teil der beiden trapezförmigen CTRs um Hannover) nicht aktiv ist, kann man in 2000 ft Höhe über das Steinhuder Meeres fliegen. Man bleibt dann unterhalb des Lufraums D von Hannover, der in 2500 ft höhe beginnt und für an- und abfliegenden Verkehr auf/von Hannover genutzt wird. Man hat aber genügend Höhe über dem Steinhuder Meer. Genial!

Leider wird mir von Skydemon heute eine temporäre Flugverbotszone eingeblendet, die per NOTAM bekannt gegeben wurde. Sie deckt die östliche Hälfte des Steinhuder Meeres ab, aber immerhin kann ich noch über die westliche Hälfte der großen flachen Pfütze fliegen. Ich lasse mir von FIS nochmal bestätigen, dass die CTRs Bückeburg und Wunstorf tasächlich nicht aktiv sind und leite dann den Sinkflug auf 2000 ft Höhe ein. Nachdem ich nun jahrelang immer westlich um die CTR von Wunstorf herum geflogen bin und dabei das eine oder andere Mal sehnsüchtige Blicke auf das Steinhuder Meer gerichtet hatte, wird heute, kurz vor Ende dieser großartigen Tour durch Frankreich direkt vor unserer Haustür noch ein kleiner Fliegertraum wahr. Super!

Südlich von Verden macht sich dann aber auch gleich wieder ein wenig Ernüchterung im Cockpit breit. Ein einzelner, leichter Schauer steht vor der Regenfront und auf dem direkten Weg nach Rotenburg. Ich weiche etwas nach Osten aus und fliege durch einen ganz leichten, aus dem Cockpit nicht sichtbaren Nieselregen. Nur die kleinen Tropfen auf der Windschutzscheibe deuten den Niederschlag an. Die großen weißen Ytong-Gebäude im Industriegebiet südlich des Flugplatzes von Rotenburg sind nachwievor gut zu erkennen und nach ein, zwei Minuten ist es auch schon wieder vorbei.

Eineinhalb Stunden, bevor die Front Rotenburg erreicht und es dort anfängt zu regnen, landen wir wieder glücklich auf der Piste 26 von EDXQ.

Hinter uns liegen insgesamt 3631 km Flugstrcke, verteilt auf fünf interessante und spannende Flugtage und 19 Flugstunden, mit vielen netten Begegnungen mit Menschen, die uns immer wieder geholfen haben an tolle Orte zu kommen. Wir sind prallvoll mit Eindrücken und Erlebnissen.

Unsere Entscheidung ins gute Wetter nach NW-Frankreich zu fliegen und die Route so herum zu wählen, dass wir “mit dem Wetter” fliegen war goldrichtig und hat uns den maximalen Flugspass in diesen fünf Tagen ermöglicht. Auch wenn wir auf dieser Tour viel gesehen und erlebt haben, bin ich mir sicher, dass wir an noch viel mehr interessanten Erlebnissen vorbei geflogen sind

Die Skylane hat sich dabei erneut als komfortabler, schneller und leiser Reisebegleiter mit sehr guten, unkritischen Flugeigenschaften und einer sehr angenehmen Ruderabstimmung bewährt.

Im Reiseflug bin ich die meiste Zeit mit meiner bevorzugten Leistungseinstellung geflogen: 4600 U/min am Constant-Speed Prop gewählt und die Leistung so eingestellt, dass sich ein Verbrauch von 15 Liter/h ergibt. Mit diesen Einstellungen wird der von Rotax empfohlene MAP eingehalten und dann fliegt die Skylane mit 2 Personen an Bord durchschnittlich um die 180 km/h IAS und alleine ungefähr 190 km/h IAS. Fliegt man die Skylane alleine, ergibt sich daraus bei dieser durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit ein Verbrauch von umgerechnet 7,9 Liter/100km. Das ist für diese relative hohe Durchschnittsgeschwindgkeit ein echt guter Wert.

Zusätzlich erfüllt der große Gepäckraum der Skylane immer wieder andere Piloten mit Neid: Die Kopfstützen sind schnell demontiert und dann können auch größere Reisetaschen und Rucksäcke problemlos im Gepäckraum verstaut werden. Es dürfen bis zu 30 kg in den Gepäckraum geladen werden, ohne das der Schwerpunkt nach hinten aus dem zulässigen Bereich wandert. Das ist für einen Wochenendtrip zu zweit allemal ausreichend.

Wenn es nach mir ginge, würde ich gerne gleich morgen wieder losfliegen! Dahin wo das Wetter gut, die Landschaften interessant und die Menschen so freundlich und hilfsbereit sind wie in Frankreich...

Viele Grüße,

Oliver

hans-juergen thom
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Re: Bericht Frankreich 2020

Beitrag von hans-juergen thom » 31.07.2020, 23:44

herzlichen Dank für diesen wunderbaren Bericht, Oliver.
Da schlägt das Fliegerherz höher.
Es grüßt
Hans-Jürgen

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